Wadi Qilt

Spektakulär an der steilen Felswand einer tiefen Schlucht hängt das griechisch-orthodoxe Wüstenkloster des Heiligen Georg von Koziba. Die Schlucht gehört zum Wadi Qilt , das sich durch schroffe Felswüstenlandschaften und Canyons von Jerusalem ostwärts durch die Wüste Juda schlängelt und in der Ebene von Jericho mündet.

Drei Quellen speisen den Wasserlauf des Wadis: Ain Qilt, Ain Farah und Ain Fawar. Zur Regenzeit im Winter schwillt der Wasserlauf an, im Sommer ist das Bett des Wadis ausgetrocknet. Wenige Kilometer vor der Mündung des Wadis in der Jericho-Ebene werden die Landschaften rauer. Canyons durchschneiden die Felslandschaft. An manchen Stellen sind die Felswände so steil und ist die Schlucht so tief, das kaum Sonnenlicht bis zur Talsohle vordringt. Immer wieder sieht man Aquädukte und Wasserleitungen aus römischer Zeit. An einem besonders schönen Abschnitt der Qilt-Schlucht, etwa 20 Kilometer östlich von Jerusalem und nur wenige Kilometer westlich von Jericho, hängen die Bauten des orthodoxen St. Georg-Klosters wie eine Gruppe Vogelnester an der Felswand. Im Talgrund am Wasserlauf sprießt das Grün kleiner Palmen und Büsche. Das Kloster ist uralt. Es stammt aus der byzantinischen Spätantike des 5. Jahrhunderts, aus einer Zeit, als die Christen die Mehrheit der Bevölkerung in Palästina stellten. Gegründet wurde es von dem ägyptischstämmigen Christen Johannes von Theben zu Ehren der Jungfrau Maria. Die Idee des Klostergedankens war aus Ägypten gekommen. Im Land am Nil hatten sich zunehmend Mönchsgemeinschaften und Einsiedler in die Einsamkeit der Wüste zurückgezogen, um dort für ihren Glauben zu leben und den Verlockungen des sündhaften Lebens fern zu bleiben. Von dort verbreitete sich die Mönchsidee schnell bis nach Palästina. Bereits vor Gründung des St. Georg-Klosters lebten christliche Eremiten in den Grotten, Höhlen und unter den Felsvorsprüngen der Schlucht des Wadi Qilt. Der Name des Klosters bezieht sich auf den Mönch Georg von Koziba (Georgias von Coziba), der dem Kloster einst als Abt vorstand. Die Geschichte und Entwicklung des Klosters wurde im frühen 7. Jahrhundert jäh unterbrochen. Denn im Jahre 614 hatte der persische König Chrosrau II. (aus der Dynastie der Sasaniden) Palästina und Jerusalem erobert. Für kurze Zeit beherrschten die persischen Sasaniden ein riesiges Reich, das von Ägypten, Syrien und Anatolien im Westen bis Pakistan und Afghanistan im Osten reichte und an die glorreiche Epoche der Achämeniden anschloss. Bei der persischen Eroberung Palästinas wurde auch das Kloster im Wadi Qilt zerstört. Die Mönche wurden ermordet. Ihre Gebeine werden heute in der Klosterkapelle aufbewahrt. In den folgenden Jahrhunderten blieb das Kloster eine unbewohnte Ruine. Denn nur wenige Jahre nach den Persern eroberten die Araber 638 Jerusalem und brachen einen neuen Glauben, den Islam, nach Palästina. Die Zahl der Christen unter der Bevölkerung nahm ab, Klostergründungen wurden selten. Im Mittelalter versuchten noch einmal die Kreuzritter, das Kloster wiederzubeleben. Doch erst im 19. Jahrhundert konnte an die Tradition des alten Klosters angeknüpft werden. Ein griechisch-orthodoxer Mönch namens Kalinikos initiierte die Wiederbelebung und den Neubau des Klosters. Die Bauarbeiten starteten 1878 und waren 1901 abgeschlossen. Aus dieser Zeit stammen die Anlagen, die heute von den Touristen besucht und besichtigt werden. In einigen Kapellenräumen sind noch die Mosaike der alten Anlagen aus byzantinischer Zeit zu sehen.

Hintergrund: Die Wüste Juda

Auf dem Weg von Jerusalem zum Wadi Qilt und nach Jericho durchfährt man die Wüste Juda. Diese Landschaft zwischen Jerusalem, Jordan und Totem Meer ist eine Felswüste mit zum Teil steilen Schluchten und zahlreichen Wadis, aber in höheren Lagen auch übersät mit abgerundeten Hügelkuppen. Je weiter man nach Osten in Richtung Totes Meer vordringt, desto trockener sind das Klima und die Landschaft. Die Wüste Juda galt in frühchristlicher Zeit als heiliger Ort für Pilger, Einsiedler und Mönchgemeinschaften. Diese Wüste war nicht so groß und abgeschieden wie andere Wüsten (etwa in Ägypten oder Syrien). Gleichzeitig hatten die frühen Christen die heiligen Orte Jerusalem und Bethlehem in unmittelbarer Nähe, und sie konnten in der Wüste Juda das Gefühl erleben, auf den Pfaden des Jesus von Nazareth zu wandeln. Seit dem 4. Jahrhundert nahm die Zahl der Pilger zu, und ab dem 5. Jahrhundert wurden zahlreiche Klöster gebaut. Die Wüste Wüste Juda ist übersät mit Klosterruinen aus byzantinischer Zeit. Die meisten wurden mit dem Vordringen des Islam im 7. Jahrhundert aufgegeben. Viele dieser Klosterruinen wurden durch Reisen de des 19. Jahrhunderts und Archäologen des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Sie mussten natürlich erst als solche identifiziert werden, denn die meisten Ruinen sind recht unscheinbar und wenig spektakulär. Ein Kloster im Süden der Wüste Juda, das in ähnlicher Hanglage und in ebenso spektakulärer Schluchtenlandschaft eingebettet ist wie das St. Georg-Kloster im Wadi Qilt, ist das Mar-Saba-Kloster. Es liegt in der Fortsetzung des Kidron-Tales. Wie die meisten Klöster der Gegend wurde auch das Mar-Saba-Kloster im 5. Jahrhundert gegründet.

Autor dieses Artikels:

M.Hüneburg