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Palästina in der Spätbronzezeit

Die Spätbronzezeit Palästinas unterscheidet sich in einem bestimmten Aspekt sehr von der Früh- und Mittelbronzezeit. Waren es in den bisherigen Epochen die einzelnen Stadtstaaten der Regionen Syriens und Palästinas selbst, die in einem System von dominierenden Städten als Hegemonialzentren mit einem Netzwerk von abhängigen kleineren Städten und Siedlungen als Peripherie den politischen Puls der Levante bestimmten, so wurden in der Spätbronzezeit dieselben Regionen primär von außen dominiert, und zwar von den nahöstlichen Großmächten jener Zeit: Ägypten, Mitanni und Hatti. In Ägypten herrschten die großen Pharaonen des Neuen Reiches. Das nordsyrische Reich von Mitanni war ein hurritisches (horitisches) Staatsgebilde, das sich von Nordmesopotamien bis ans Mittelmeer erstreckte. Und in Anatolien hatten die Hethiter ein Großreich aufgebaut, das seine Fühler bereits gen Syrien ausstreckte. Sie waren von nun an die tonangebenden Machtzentren, während sich die politischen Einheiten Syriens und Palästinas oft mit der Rolle abhängiger Klientelstaaten begnügen mussten.

Die Umwälzungen in der Übergangsphase von der Mittelbronzezeit zur Spätbronzezeit begannen mit den ägyptischen Feldzügen gegen die Hyksos, jene semitischen Fremdherrscher in Ägypten, welche ursprünglich aus dem palästinischen Raum kamen. Die Pharaonen Kamose und Ahmose organisierten im 16. Jahrhundert v. Chr. den Widerstand und vertrieben schließlich die Hyksos mit militärischen Mitteln aus Ägypten. Doch damit nicht genug. Vielmehr setzten die Verfolger den Vertriebenen nach und starteten eine ganze Serie von Eroberungsfeldzügen nach Palästina und Syrien. Von nun an gab es regelmäßige, ägyptische Kriegskampagnen im Nahen Osten. Amenophis I. und Thutmosis I. konnten ihre Armeen bis tief nach Syrien, ja sogar bis an den Euphrat führen. Thutmosis III. und Amenophis II. konnten durch weitere Feldzüge abtrünnige, palästinische und syrische Stadtstaaten zurückerobern und ihre Hegemonialmacht im Nahen Osten festigen. Dabei stießen die beiden damaligen Großmächte Ägypten und das hurritische Reich Mitanni, das sich im Norden Syrien gebildet hatte, aufeinander.

Zwischenzeitlich flaute der militärische Aktionismus der Ägypter etwas ab. Unter Amenophis III. und in der Amarnazeit, jener Epoche, die von Amenophis IV. alias Echnaton und seinen religiösen Reformen geprägt war, schien sich die Außenpolitik Ägyptens, zumindest teilweise, mehr auf die Diplomatie zu verlegen. Im ägyptischen Tell el-Amarna, wo einst die religiöse Palast- und Tempelmetropole Achetaton, die Hauptstadt Echnatons stand, wurde ein Archiv von mehr als 300 akkadischen Keilschrifttafeln entdeckt, das über die diplomatische Korrespondenz des ägyptischen Königshauses Auskunft gibt. Akkadisch ist wie Amurrtisch und Hebräisch eine semitische Sprache und war zu jener Zeit die „lingua franca“, die internationale Verkehrssprache, im Nahen Osten. Eben jene Texte waren also diplomatische Urkunden und Briefe. Übrigens wurden auch in Israel, in Tell el-Hesi und Geser, Briefe solcher Korrespondenz gefunden. Aus diesen Texten lässt sich erfahren, wie die Könige und Fürsten miteinander kommunizierten und welche Machtgeflechte es im Nahen Osten gab. Ägyptens Einfluss war groß. Doch sobald die militärische Präsenz nachließ, gab es immer wieder abtrünnige Klientelstaaten, die für Unruhe sorgten. Fehden unter Kleinstaaten führten oft dazu, dass sich Fürsten mit Bittgesuchen an den Pharao wandten, damit dieser schlichtend eingreife. In einigen Briefen baten ausländische Könige um ägyptisches Gold, um damit Vasallen und Untergebene bei Laune zu halten und Machtstrukturen und politische Stabilität in der Region zu sichern. Alles in allem deuten die Amarna-Briefe darauf hin, dass die ägyptische Einflussnahme Gefahr lief, an Wirkkraft zu verlieren, und die Verbündeten sich mehr Unterstützung seitens der Pharaonen wünschten. Dementsprechend änderte sich die ägyptische Außenpolitik mit dem Ende der Amarnazeit wieder zugunsten verstärkter militärischer Aktivitäten. Unter den Pharaonen Haremhab, Ramses I. und Ramses II., die allesamt aus dem Militäradel stammten, setzte Ägypten seine Politik der regelmäßigen Feldzüge nach Vorderasien fort. Allerdings war inzwischen eine andere Großmacht auf den Plan getreten: Hatti, das Reich der Hethiter. Dieses indoeuropäische Volk aus Zentralanatolien war militärisch sehr stark und beherrschte zudem bald den ganzen Norden Syriens. Schließlich kam es unter Pharao Ramses II. zum Zusammenstoß beider Großmächte in der berühmten Schlacht von Kadesch, einer syrischen Stadt am Orontes. Es ist nicht ganz klar, wer als Sieger aus der Schlacht hervorging, weil beide Seiten sich daheim als Gewinner feiern ließen. Doch vieles deutet darauf hin, dass die Hethiter gestärkt hervorgingen, während Ägypten geschwächt war und seine militärischen Aktionen in Vorderasien einschränken musste. Letztendlich kam es einige Jahre nach der Schlacht zu einem Friedensvertrag und zu einer diplomatischen Hochzeit. Ramses II. heiratete eine hethitische Prinzessin. Das Dokument dieses Friedensvertrages ist das allererste seiner Art überhaupt und somit ein historisch einzigartiges Zeugnis der Diplomatiegeschichte.

In Palästina selbst sorgten verschiedene Stammesgruppen für Unruhe. Eine Gruppe sogenannter Apiru/Hapiru, vermutlich eine Bezeichnung, aus der sich später das Ethnonym „Hebräer“ entwickelte, sorgte schon zu Zeiten der ägyptischen Herrschaft über Palästina für gelegentliche Unruhe in der Region. Es ist anzunehmen, dass es sich um einen Teil der semitischen Bevölkerung handelt, die primär nomadisch lebte und den Städten Probleme bereite, indem sie den einen oder anderen Raubzug unternahm. Diese Habiru waren allerdings wohl weniger typische „pastorale Nomaden“ (Wanderhirten), die sich lediglich auf die Viehzucht spezialisierten und in friedlicher Symbiose mit der bäuerlichen Bevölkerung lebten, als vielmehr Clans und Banden, die sich in die Berge und entlegenen Täler zurückgezogen hatten und außerhalb der etablierten Siedlungen, Städte und Gemeinwesen als „Outlaws“ lebten. Jedenfalls belegen die archäologischen Befunde eine Zunahme von Siedlungen im Bergland. Diese Hapiru wurden oft für Überfälle und plünderndes Vagabundieren verantwortlich gemacht, vor denen sich die Städte und Handelskarawanen zu schützen hatten. Ein anderer Begriff in diesem Zusammenhang ist das Wort „Schasu“. Beide Begriffe wurden durchaus synonym benutzt. Ägyptische Quellen erwähnen zum Beispiel, wie Schasu sich in den Wäldern versteckten und ägyptische Truppenverbände aus dem Hinterhalt überfielen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass unter diesen Begriffen Zusammenschüsse von Familienclans subsumiert wurden, die in versteckten Bergdörfern autonom von den Machtzentren nach ihren eigenen Regeln und Gesetzen lebten und wegen ihrer Unberechenbarkeit für die zentral organisierten Staatswesen der Städte sowie ihrer ägyptischen „Kolonial“-Herren zu einem Sicherheitsproblem wurden. Das Bedürfnis nach Schutz äußert sich auch in der Architektur. Nach wie vor waren die meisten großen Städte Palästinas durch Befestigungsanlagen geschützt. Aber auch die ägyptischen Gouverneursresidenzen in Palästina hatten den Charakter von kleinen Festungen. Solche befestigten Residenzen wurden in Deir el-Balah, Tell Hedar, Tell Ras el-En, Tell esh-Sheria, Tell el-Fara und in Beth-Shean ausgegraben, wobei nicht immer ganz klar ist, ob die Bewohner Ägypter waren oder ob es sich schlicht um Architektur nach ägyptischen Vorbild handelt.

Um sich ein Bild von den Schwierigkeiten zu machen, welche die in- und ausländischen Machthaber in Palästina hatten, ihre Hoheitsgebiete effizient zu kontrollieren und abgelegene Dörfer und Stämme zu befrieden, kann man sich zum Vergleich anschauen, wie schwer es die Regierungen in heutigen islamischen Ländern wie dem Libanon, dem Jemen und Afghanistan haben, wenn es darum geht, die Stämme und Bergdörfer administrativ zu kontrollieren. Was selbst heutzutage mit modernster Verkehrs- und Kommunikationstechnologie kaum zu bewältigen ist, war vor dreitausend Jahren umso schwieriger zu bewerkstelligen.

Man kann, wenn man die Bibel als historische Quelle heranziehen will, diese Zeit als die Periode der Landnahme Israels deuten. Waren die Habiru die Vorfahren der späteren Hebräer? Doch inwiefern das Geschichtsbild in der Bibel mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmt ist höchst umstritten. Viele Bibeltexte stammen aus einer sehr viel späteren Zeit und konstruieren eine Volksgeschichte im Nachhinein. Außerdem ist das Wort Habiru ein sehr allgemeiner Begriff, der im ganzen Nahen Osten für vagabundierende und nomadisierende Gruppen Verwendung fand. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass die späteren Hebräer bzw. Israeliten ursprünglich aus einer solchen Gruppe von Habiru abstammten und die Landnahme schlicht eine Okkupation von Siedlungen durch diese Gruppe war. Problematisch ist jedoch, dass nach biblischer Überlieferung der Landnahme der Exodus aus Ägypten vorausging. Doch der Exodus, der nach manchen Alttestamentlern und Bibelhistorikern angeblich während dieser Zeit (13. Jahrhundert v. Chr., 19. Dynastie in Ägypten) stattgefunden haben soll, ist in seiner Historizität höchst fraglich und seitens der Archäologie nicht belegbar. Hat man anfangs die Figur Moses und den Exodus des Volkes Israel aus Ägypten durch die Wüste Sinai und schließlich ins gelobte Land in die Zeit des Pharao Ramses II. datieren wollten, so gehen heute viele Archäologen davon aus, dass es einen solchen Exodus wohl nie gegeben hat. Zumindest nicht in der Art und Weise, wie er in der Bibel geschildert wird. Vielmehr scheinen in der Exoduserzählung Erinnerungen der alten Hyksos-Vertreibung aus Ägypten enthalten zu sein. Und die Motive der Josephs-Erzählung scheinen ihren Nährboden in der Erinnerung an den Pseudo-Monotheismus des Pharao Echnaton zu haben. Auch die Karriere einiger syrischer Beamter am ägyptischen Hofe mag inspirierend gewirkt haben. Doch wie immer man solche Ereignisse datieren und rekonstruieren will, stets passen die Einzelmotive zeitlich nicht zusammen.

Immerhin gib es ein Dokument des Pharaos Merenptah, dem Nachfolger von Ramses II., auf dem in einer Liste palästinischer Städte und Völker definitiv ein Volksstamm namens „Israel“ erwähnt wird. Dieser Hieroglyphentext der sogenannten Israel-Stele oder Siegesstele Merenptahs ist somit das erste schriftliche Dokument, das diesen Namen erwähnt.

 

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Aharoni, Yohanan und Michael Avi-Yonah, The Macmillan Bible Atlas, Jerusalem und New York 1993 (3. Aufl.).
  • Aharoni, Yohanan und Michael Avi-Yonah, Syria-Palestine II: From the Middle Bronze Age to the End of the Classical World (2200 B.C. – 324 A.D.), Genf 1979.
  • Ber-Tor, Amnon, The Archaeology of Ancient Israel, New Haven 1992.
  • Helck, Wolfgang, Die Beziehungen Ägyptens zu Vorderasien im 2. und 3. Jahrtausend v. Chr. (Ägyptologische Abhandlungen, Band 5), Wiesbaden 1971 (2. Auflage).
  • Kenyon, K.M., Archäologie im Heiligen Land, Neukirchen-Vluyn 1967.
  • Lemche, Niels Peter, Die Vorgeschichte Israels: Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v. Chr., (Biblische Enzyklopädie, Band 1), Stuttgart, Berlin, Köln 1996.
  • Liverani, Mario, Prestige and Interest: International Relations in the Near East, ca. 1600-1100 B.C., Sargon 1990.
  • Mazar, Amihai, Archaeology of the Land of the Bible, 10.000 – 586 BCE, New York 1990.
  • Yigael, Yadin, Hazor – Die Wiederentdeckung der Zitadelle König Salomos, Hamburg 1976.
  • Weippert, Helga, Palästina in vorhellenistischer Zeit, (Handbuch der Archäologie, Vorderasien, Band II/I), München 1988.

 

Autor dieses Artikels:

M.Hüneburg