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Jerusalem – Stadtmauer

Die Altstadt von Jerusalem ist mitsamt Tempelberg nahezu komplett von einer fast fünf Kilometer langen Befestigungsmauer aus dem 16. Jahrhundert umgeben. Acht Tore führten in die ewige Stadt.


Video zur Stadtmauer und zum Jaffator - © STERN TOURS

Der Vordere Orient im 16. Jahrhundert: Es war die Zeit, als das Osmanische Reich seinen Höhepunkt erreichte und den kompletten Nahen und Mittleren Osten beherrschte. Vom Irak bis nach Tunesien, vom Balkan bis tief in den Sudan reichte das Reich des türkischen Sultans Süleyman der Prächtige, der von 1520 bis 1566 regierte. Das Großreich der Türken wurde von den Europäern als große Bedrohung empfunden, denn unter Süleyman dem Prächtigen fand die erste türkische Belagerung Wiens statt (1529).

Der Sultan war ein großer Bauherr. Er konnte es sich leisten, denn die Steuereinnahmen aus dem ganzen Orient und dem östlichen Mittelmeerraum flossen nach Istanbul. So konnte Süleyman zahlreiche bedeutende Moscheen am Bosporus errichten lassen. Aber auch in den fernen Provinzen seines Großreiches wurde kräftig gebaut. Jerusalem verdankt ihm die Erneuerung der Stadtmauer. Von 1537 bis 1541 wurde auf den Grundfesten älterer Mauern und Befestigungsanlagen die neue Stadtmauer mit ihren Bastionen errichtet. Bis heute ist sie fast unverändert geblieben.

Der Hauptgrund für die Erneuerung der Stadtbefestigungsanlagen war der Schutz vor Beduinenüberfällen. Die Landwirtschaft in Palästina und Jordanien war zurückgegangen, die Wüste war weit vorgedrungen und die osmanischen Truppen konnten nicht überall und gleichzeitig im ganzen Reich vor Überraschungsangriffen der Beduinenstämme schützen. Ein anderer Grund mochte die Sorge vor einem neuen Kreuzzug der christlichen Staaten sein, denn ganz Europa war entsetzt über die osmanische Expansion und fürchte schon den Untergang des Abendlandes. Doch ein Kreuzzug blieb aus. Die Front des abend-morgenländischen Kräfteringens blieb vornehmlich der Balkan.

Die Stadtmauer ist an den meisten Stellen etwa 12 bis 15 Meter hoch und mit Zinnen und Schießscharten bewehrt. Der Verlauf der 4870 Meter langen Mauer orientiert sich zum Teil an älteren Stadtmauern und Vorgängerbauten. Doch ist zu bedenken, dass die Stadtmauer zur Zeit des Herodes , als Jerusalem den Höhepunkt seiner Bedeutung und Pracht erfuhr, ein noch weit größeres Stadtgebiet umschloss.

Der Tempelberg wurde traditionell und strategisch in das Stadtbefestigungsnetz eingebunden. Auch die Zitadelle im Westen der Altstadt, die von Süleyman dem Prächtigen auf den Grundmauern der Festung aus der Zeit des Herodes errichtet wurde, war in das System der Stadtbefestigungsanlagen integriert. Es muss bei aller Würdigung der osmanischen Bauten bemerkt werden, dass die antiken Stadtbefestigungsanlagen denen aus der frühen Neuzeit mindestens ebenbürtig gewesen waren.

Wichtige Tore und Abschnitte der Mauer

An der Nordmauer sind besonders die drei historischen Tore sehenswert. Im Nordosten führt das sogenannte Herodestor ins muslimische Viertel der Altstadt. Dieser Name beruht natürlich auf einem Irrtum, denn tatsächlich stammt das Tor aus dem 16. Jahrhundert. Aber die christlichen Pilger, die nach Jerusalem kamen, brachten gerne die einzelnen Bauten mit biblischen Szenen in Verbindung. Da jedoch aus der Zeit des Herodes die meisten Bauten zerstört, überbaut oder noch nicht archäologisch ausgegraben waren und den meisten Pilgern die bauhistorischen Kenntnisse fehlten, hat man einfach das, was man sah, mit Bibelmotiven assoziiert. Das Herodes-Tor ist relativ schlicht und besteht aus einer vorspringen Bastion mit Tordurchgang, einem Fenster und darüber einem Rosettenrelief.

Geht man die Mauer entlang etwas weiter nach (Süd-)Westen, gelangt man ans Damaskustor. Es wurde in den Jahren 1537 bis 1538 unter Süleyman fertig gestellt. Der Name verweist natürlich auf die Handelsroute, die damals von hier nach Damaskus in Syrien führte. Wegen seiner repräsentativen Größe ist das Damaskustor das bekannteste unter den Jerusalemer Stadttoren. Flankiert wird der Eingangsbereich vor dem Tor durch zwei Turmbastionen. Die Zinnen der Wehrmauer sind spitz gehalten. An den Innenecken der Tortürme stechen kleine Erker hervor. Auf Arabisch wird das Tor auch Bab el-Amud genannt, was soviel wie „Säulentor“ heißt. Zwar gibt es keine Säulen am Tor, aber vor dem Tor stand einst eine Säule aus römischer Zeit. Sie gehörte ehedem zum antiken Vorgängerbau, einem Stadttor aus der römischen Kaiserzeit.

Noch weiter (süd)-westlich steht das sogenannte Neue Tor. Es wurde 1889 gebaut und ist eigentlich nur ein Durchgang durch die Mauer. Es führt ins christliche Viertel.

Die Hauptattraktion an der westlichen Stadtmauer sind zum einen das Jaffator, das wegen seiner Routenausrichtung zum Mittelmeerhafen Jaffa (heute Tel Aviv Jaffa) so benannt ist, und zweifelsohne die mächtige Zitadelle mit dem sogenannten Davidsturm. Zwischen dem Jaffator und der Zitadelle fehlt ein Stück der Stadtmauer. Hier wurde 1898 ein Durchbruch geschaffen, um den deutschen Kaiser Wilhelm II. mitsamt seinem Gefolge auf dessen Nahostreise im selbigen Jahr einen passenden Durchgang für die Kutschen zu ermöglichen.

Beim Bau der Südmauer mussten große Höhenunterschiede überwunden werden, da die Stadt nach Südosten in Richtung Kidrontal auf abfälligem Gelände steht. Am westlichen Abschnitt der Südmauer ist das Zionstor das herausragende Bauwerk. Der Name verweist natürlich auf den Berg Zion, der sich vor dem Tor erhebt. Durch dieses Tor gelangt man von Süden direkt in das armenische Viertel der Altstadt. Wie das Damaskus-Tor stammt es noch aus der Zeit des Sultans Süleyman. Es wurde im Jahre 1540 fertig gestellt. Auf Arabisch wird dieses Tor Bab el-Nabi Daud genannt. Das bedeutet „Tor des Propheten David“. Dieser Name nimmt Bezug auf das Heiligtum des David am Zionsberg. Ob tatsächlich hier der historische König David begraben wurde, ist höchst zweifelhaft. Doch als Erinnerungsstätte hat der Ort eine große Bedeutung insbesondere für das Judentum. Als Kaiser Wilhelm II. 1898 das Heilige Land besuchte, war das Zionstor noch in einem hervorragenden Erhaltungszustand. Heute erinnern die unzähligen Einschusslöcher an heftige Schusswechsel während des ersten israelisch-arabischen Krieges von 1948. Die Architektur ist einfacher gehalten als beim Damaskustor. Es gibt keine vorspringenden Tortürme. Über dem Tordurchgang erkennt man einen alten Erker mit Schießscharte.

Weiter im Osten der Südmauer gibt es noch ein kleines Tor, das ohne spezielle Bastionen und Tortürme auskommt. Es handelt sich lediglich um einen kleinen Durchgang durch die Mauer. Es wird das „Tor der Maghrebiner“ genannt. Auch dieses Tor wurde 1540 unter Süleyman errichtet. Doch die Torgestaltung, die man heute sieht, stammt aus dem Jahre 1985 und ahmt den osmanischen Stil nur nach. Denn bis dahin war es nur ein kleiner Durchgang, gerade breit genug, dass einzelne Menschen hindurchgehen konnten. Eigentlich war es niemals als Tor gedacht gewesen, sondern nur als kleiner Hinterausgang, um den Abfall der Stadt nach draußen zu befördern. Deshalb wird es auch Dungtor genannt. Der Namensbezug auf die Maghrebiner bzw. Marokkaner hängt mit der historischen Begebenheit zusammen, dass im Mittelalter Einwanderer aus Marokko in unmittelbarer Nähe des Tores wohnten. Heute führt das Tor direkt ins jüdische Viertel.

Weiter im Südosten macht der Mauerverlauf einen Knick und schließt sich den monumentalen Festungsmauern des Tempelberges an. Gerade an der Südostecke des Tempelberges hinterlassen die Stadtmauern ihren imposantesten Eindruck.

Auch an der Ostseite der Stadtmauer gibt es zwei Tore. Das südliche der beiden ist jedoch zugemauert: das sogenannte Goldene Tor. Der Grund für das Schließen dieses Tores ist unbekannt. Die Architektur mit ihren Bögen geht auf byzantinische Zeit zurück. Verschlossen wurde es unter Süleyman. Vermutlich hatte dies praktische oder strategische Gründe, um den Tempelberg besser zu schützen.

Weiter nördlich an der Ostmauer gelangt man ans Stephanstor, auch Löwentor genannt. Der Name Löwentor bezieht sich auf zwei kleine Reliefdarstellungen von Löwen neben dem Tordurchgang. Die Bezeichnung „Stephanstor“ erinnert dagegen an den Heiligen Stephanus, der in der Umgebung des Tores den Märtyrertod durch Steinigung erlitt. Unweit des Tores steht im Kidrontal heute die Kirche St. Stephan.

Anmerkung: Der genaue Beobachter wird feststellen, dass die Stadtmauern im südlichen und südöstlichen Abschnitt einen sehr viel rötlicheren bzw. sandfarbeneren Farbton haben als die Nordmauern der Stadt. Dies liegt am Wirken von Wind und Wetter. Von Süden und Südosten kommen die trockenen Winde, die den feinen Wüstensand Arabiens herantragen, während an der nördlichen Stadtmauer die feuchten Winterwinde aus der Levante an den Mauern wirken.

Autor dieses Artikels:

M.Hüneburg