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Diaspora

Die jüdische Diaspora und der Holocaust sind Ereignisse der jüdischen Geschichte , die sich tief in die kollektive Erinnerung des Judentums eingebrannt haben. Jedes Kind in Israel wächst mit diesen Themen auf. Man kann weder die Mentalität noch die jüngere Geschichte des Judentums und des Staates Israel verstehen, wenn man diese beiden Themen außeracht lässt.

Die jüdische Geschichtserinnerung spielt sich nur zu einem Teil im Heiligen Land selbst ab. Durch Exodus, Exil und Diaspora hat sich für viele Juden ein großer Teil ihrer Geschichte außerhalb abgespielt. Die Erinnerung daran haben sie bei ihrer Rückkehr ins Gelobte Land mitgenommen.

Ursprünge der Diaspora

Die Geschichte der Deportationen und Zerstreuungen von Bevölkerungsgruppen geht weit ins Altertum zurück. Bereits im alten Orient geschah es nicht selten, dass siegreiche Herrscher eroberte Ländereien entvölkerten, indem sie die dort lebenden Stämme deportieren ließen. Die Ägypter siedelten semitische Beduinen, libysche Berberstämme und nubische Volksgruppen um. In Mesopotamien kam es immer wieder zu Vertreibungen. Sumerer, Babylonier, Assyrer und Perser gingen nicht zimperlich mit den von ihnen unterworfenen Völkern um.

In der kollektiven Erinnerung Israels von besonderer Bedeutung sind die Gefangenschaft in Ägypten, die späteren Deportationen und Zwangsumsiedlungen durch die assyrischen Eroberer und schließlich das Babylonische Exil. Die Zeit in Ägypten endete der Überlieferung nach mit dem Exodus nach Palästina. Dieses Ereignis wurde zum Gründungsmythos eines ganzen Volkes: Gott habe Moses das Heilige Land gezeigt und die Zehn Gebote gebracht, die fürs ganze Volk bindend sind.

Doch bereits mit der Teilung Israels nach dem Tode Salomos in ein Südreich namens Juda und in ein Nordreich namens Israel begann die Zersplitterung. Nachdem das Nordreich im 8. Jahrhundert v. Chr. von den Assyrern erobert worden war, wurden Teile des Volkes Israel zwangsumgesiedelt. Sie verschwanden irgendwo im assyrischen Großreich und gingen dort in anderen Völkern auf. Sie gelten bis heute als „verlorene Stämme“ Israels („Aseret ha-schvatim“).

Das Südreich der Stämme Juda und Benjamin war von den Assyrern verschont geblieben. Doch rund hundert Jahre später wurde ganz Palästina von den Babyloniern erobert. Im Jahre 597 v. Chr. schließlich eroberte der babylonische König Nebukadnezar II. Juda mitsamt Jerusalem . Die Stadt und der Tempel wurden zerstört. Ein Teil der Bevölkerung wurde nach Babylonien deportiert und dort zwangsweise angesiedelt. Ab diesem Zeitpunkt spricht man von der eigentlichen Diaspora.

In Mesopotamien wurden die Judäer nicht mit der autochthonen Bevölkerung vermischt. Stattdessen wurden sie in geschlossenen jüdischen Siedlungen untergebracht. Dort hielten sie auf besondere Weise zusammen und pflegten das gemeinsame Kulturgut, die bindenden Erinnerungen. Einige Judäer konnten in Babylonien in der Verwaltung Karriere machen. Es schien nicht allen Judäern im Exil schlecht zu gehen. In ihren babylonischen Siedlungen und Kolonien hatten sie relative Autonomie. Dennoch schienen viele von ihnen von einer Sehnsucht nach der Heimat und dem Tempel in Jerusalem erfasst worden zu sein.

Auch die in ihrer Heimat gebliebenen Judäer mussten zu einem späteren Zeitpunkt in Teilen ihr Land verlassen. Nebukadnezar hatte einen Statthalter namens Gedalja in Jerusalem eingesetzt. Nachdem dieser ermordet worden war, fürchteten viele Judäer die Rache des babylonischen Königs und flohen nach Ägypten. Einige von ihnen siedelten in der Näher der heutigen Stadt Assuan auf der Nil-Insel Elephantine.

Das Babylonische Exil endete für die meisten Judäer nach dem Zusammenbruch des Babylonischen Reiches und mit der Eroberung des Nahen Ostens durch die Perser. Unter dem persischen Großkönig Kyros II. wurde im Jahre 539 v. Chr. den Judäern Babyloniens erlaubt, in ihre Heimat nach Palästina zurückzukehren. Doch nur ein Teil der jüdischen Bevölkerung kehrte tatsächlich nach Juda zurück. Der andere blieb in Babylonien oder verteilte sich in Persien und Syrien. Das Persische Großreich, das damals den ganzen Nahen und Mittleren Osten vom Nil bis zum Indus umfasste, bot den Exiljuden die Möglichkeit, sich relativ sicher in verschiedenen Teilen des Imperiums niederzulassen. 

So war die Entwicklung der frühen Diaspora eine Mischung aus Flucht, Deportation und Zwangsumsiedlung, aber auch von Auswanderung in andere Regionen und Länder. Ab dieser Epoche kann man historisch von „Juden“ sprechen, da die Religion und die Bräuche zunehmend das bindende Element wurden und nicht mehr die geographische Zugehörigkeit zu einem Land, auch wenn es weiterhin ein wichtiger Bestandteil der historischen und religiösen Erinnerung blieb.

Die Diaspora endete nicht unter Alexander dem Großen, der in den 330er Jahren v. Chr. das Persische Reiche eroberte. Im Gegenteil. Es entstanden immer mehr jüdische Ansiedlungen außerhalb Palästinas. So gab es plötzlich jüdische Minderheiten in Griechenland, in Kleinasien, auf Zypern, in Syrien und besonders viele in Ägypten.

Auch unter den Nachfolgerstaaten des Alexanderreiches, insbesondere in den Reichen der Ptolemäer (Ägypten) und Seleukiden (Vorderasien) setzte sich dieser Trend fort. Trotz all dieser Exilgruppen lebten immer noch die meisten Juden in Palästina. Nachdem ein Hellenisierungsversuch der Juden durch den seleukidischen König Antiochos IV. gescheitert war und die Juden in Judäa ab 168 v. Chr. den Aufstand erprobten, wurde seit vielen Jahrhunderten endlich wieder ein unabhängiger jüdischer Staat geschaffen: das Reich der Makkabäer. Einige Exiljuden kehrten in diesen Staat zurück. Die meisten bleiben in ihren neuen Heimatländern.

Diaspora im Römischen Reich und jüdische Aufstände

Den zweiten großen Schub der Diaspora erlebten die Juden nach der Eroberung Palästinas durch die Römer. Zwar konnte Judäa unter dem römischen Vasallenkönig Herodes dem Großen noch prosperieren. Doch nachdem Judäa im Jahre 6 n. Chr. in eine römische Provinz umgewandelt wurde, gab es zunehmend Konflikte zwischen Juden und Römern. Diese entluden sich im sogenannten Jüdischen Krieg von 66 bis 74 n. Chr. Infolge dessen mussten weitere hunderttausende Juden ihre Heimat verlassen. Sie siedelten in verschiedenen Provinzen des Römischen Reiches rund ums Mittelmeer. Einige zogen nach Osten, um sich den jüdischen Gemeinden in Persien anzuschließen.

Doch auch in den römischen Provinzen fühlten sich viele Juden unterdrückt. Die Folge war ein Aufstand in der Diaspora, insbesondere in den Provinzen Ägypten, Libyen, Zypern und im römisch besetzten Nordmesopotamien. Ausgangspunkt der Aufstände war die libysche Provinz Kyrenaika. Dies geschah in den Jahren 115 bis 117 n. Chr. Damals hatte das Römische Reich unter Kaiser Trajan seine größte Ausdehnung erreicht.

Begonnen hatte es mit einer Reaktion auf die von den Römern den Juden aufgedrückten Repressalien. Die Gegenwehr entlud sich in Form von Gewalt gegen römisch-griechische Heiligtümer. Im libyschen Kyrene, wo seit mehr als fünfhundert Jahren viele Griechen lebten und später auch viele Römer siedelten, wurden deren Tempel angegriffen und beschädigt, so unter anderen die Tempel des Zeus, des Apollon, der Demeter und der Artemis. Die Römer und Griechen regierten ihrerseits mit weiteren Repressalien. Die Ereignisse verstärkten religiöse Radikalisierung und Vorurteile auf beiden Seiten. Von Libyen aus breiteten sich die Konflikte zwischen Griechen und Juden bis nach Ägypten aus. Im Delta und im Niltal begannen die aufständischen Juden, heidnische Tempel anzugreifen und teilweise zu zerstören. Auf Zypern sollen die aufständischen Juden sogar Massaker an der griechischen Bevölkerung verübt haben. Als Reaktion wurden viele Juden aus Zypern verwiesen.

Die jüdischen Aufstände waren so massiv, dass Kaiser Trajan eine komplette Legion nach Zypern verlegen musste, um sie niederzuschlagen. Auch in Ägypten war es ein größeren militärisches unterfangen, die Aufstände in Schach zu halten. Der letzte Schlag war die Rückeroberung Alexandrias im Jahre 117 n. Chr. und die Zerstörung der dortigen Synagoge. Nach der Niederschlagung der Aufstände wurden viele Juden Opfer der Racheakte durch Griechen, Römer und Ägypter.

Das nächste Ereignis, das zur Ausweitung der Diaspora führte, war der Bar-Kochba-Aufstand. Als sich die Juden in Judäa unter der Führung des Simon Bar Kochba in den Jahren 132 bis 135 n. Chr. erhoben, schien es zeitweilig so, als könnten sie das römische Joch abschütteln. Getrieben von nationalen und religiösen Motiven war dieser Aufstand schnell zu einem Bürgerkrieg geworden. Viele Juden hielten Bar Kochba für den Messias, der das Reich Gottes auf Erden umsetzen werde. Daher kämpften sie mit besonderem Eifer. Der römische Kaiser Hadrian entsandte schließlich weitere Truppen unter dem Feldherrn Julius Severus nach Judäa. Mit der Entschlossenheit und Überlegenheit einer Militärmacht konnten die Legionen den Aufstand niederwerfen. Rund eine halbe Millionen Juden sollen damals ums Leben gekommen sein. Unzählige Städte und Dörfer wurden zerstört. Im Jahre 135 n. Chr. waren die Juden besiegt und Bar Kochba getötet.

Die Folgen waren schwerwiegend. Jerusalem war fast vollständig zerstört. Das Verhältnis zwischen Römern und Juden war von Misstrauen geprägt. Viele jüdische Gefangene wurde als Sklaven in andere römische Provinzen verkauft. 

Die Provinz Judäa wurde in „Syria Palästina“ umbenannt. Jerusalem durfte von den Juden nicht mehr betreten werden. Die Juden hatten ihr Kernland verloren. Viele Überlebende verließen Palästina. Einige jüdische Gemeinden konnten sich noch in Galiläa halten. In Jerusalem selbst lebten von nun an Römer, Griechen, Syrer und nicht-jüdische Händler aus den umliegenden Regionen.

Nach dem Bar-Kochba-Aufstand waren die Juden also sowohl über das Römische Reich als auch über den Mittleren Osten verteilt. Im Jahre 212 n. Chr. besserte sich ihre Lage: Unter dem römischen Kaiser Caracalla erhielten sie das Bürgerrecht, das ihnen viele Freiheiten ermöglichte. Es war ihnen erlaubt, so zu leben wie die Römer und Griechen im Reich. Doch im 4. Jahrhundert n. Chr. änderte sich die Lage erneut. Das Christentum hatte sich ausgebreitet. In Palästina war die Mehrheit der Bevölkerung christlich geworden. Überall im Römischen Reich wurden Basiliken errichtet. Die Osthälfte des Reiches, die nun von Byzanz (Konstantinopel) aus regiert wurde, war besonders erfolgreich christianisiert worden. Der christliche Kaiser Theodosius II. erließ strenge Judengesetzte. Diese wurde durch neue Judengesetze des Kaisers Justinian I. im Jahre 534 n. Chr. weiter verschärft. Die Juden wurden wieder zu Bürgern zweiter Klasse. Im Weströmischen Reich dagegen gab es neue Regelungen durch Papst Gregor dem Großen, die den Juden zunächst einen gewissen Schutz boten. 

Für die Juden im Nahen und Mittleren Osten änderte sich die Situation im 7. Jahrhundert schlagartig, als die arabischen Muslime den Vorderen Orient eroberten. Anfangs waren die Araber den Nichtmuslimen gegenüber offen eingestellt. In einigen Regionen lebten Juden und Muslime friedlich nebeneinander. Die Juden waren im Islam nach dem Gesetz des Dhimma geschützt. Es handelt sich hierbei um eine Institution des islamischen Rechts, nach welcher nichtmuslimischen Gruppen der sogenannten Buchreligionen (Juden, Christen) gegen bestimmte Auflagen Schutz garantiert wurde.

Für die folgenden Jahrhunderte hatten die Juden im islamischen Vorderen Orient eine sicherere Bleibe als im christlichen Mittelalter Europas, wo es immer wieder zu Judenprogromen kam.

Situation der europäischen Juden im Mittelalter und in der Neuzeit

Die Geschichte der Juden im europäischen Mittelalter war von ständigem Wechsel zwischen Schutz und Ausgrenzung, Chancen und Verfolgungen geprägt. Manchmal lebten sie in besonderen Straßen oder Stadtvierteln. Das erste urkundlich belegte Ghetto für Juden entstand 1084 in Speyer. In verschiedenen Städten gab es immer wieder Vertreibungen der jüdischen Gemeinden, so beispielsweise um 1012 in Mainz. Meistens waren es lokale Verfolgungen. 

Manchmal waren die Progrome von ganz oben angeordnet worden. Die römisch-katholische Kirche hatte keine weiße Weste. So ließ Papst Benedikt VIII. die Juden Roms verfolgen und hinrichten. Viele wurden verbrannt oder enthauptet. 

Nachdem Papst Urban II. zum Kreuzzug nach Palästina aufgerufen hatte, begannen die Kreuzfahrer bereits zu Beginn ihres ersten Kreuzzuges in Mitteleuropa mit der Verfolgung der Juden. Verfolgt waren sie unter anderen in Speyer, Worms, Köln, Xanten, Trier und vielen anderen Städten am Rhein und dessen Nebenflüssen. Auch in Prag wurden sie verfolgt. Kaum in Palästina angekommen, setzten die Kreuzfahrer ihre Verfolgungen und Ermordungen fort: Juden und Muslime wurden bei der Eroberung Jerusalems gleichermaßen in großen Zahlen getötet. Auch den Juden in Haifa erging es nicht besser. In den ersten Jahren der Kreuzfahrerstaaten wurden vermutlich 100.000 Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens umgebracht.

Im 12. Jahrhundert kam es zu mehreren Judenverfolgungen in Frankreich. Diesmal war die christliche Bevölkerung gegen die Juden aufgebracht worden, weil Verschwörungstheorien über jüdische Ritualmorde im Umlauf waren. Um 1236 beschloss der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II., dass alle Juden im Reiche Schutzgeld bezahlen müssten. In England wurden ab 1290 unter König Edward I. alle Juden vertrieben.

Schlimmer als die vorherigen Verfolgungen in Europa waren die Juden-Progrome im Schatten der Pest, die in den Jahren 1348-1351 wütete. Die abergläubische Bevölkerung warf den Juden vor, für die Pest verantwortlich zu sein. Es kam in vielen Regionen zu Massakern. Mehrere Hunderttausend bis zu eine Million Juden sollen in dieser Zeit der Gewalt zum Opfer gefallen sein.

Auch in Spanien gab es immer wieder Judenverfolgungen. Allein im Jahre 1391 sollen bei verschiedenen Massakern mindestens 20.000 Juden getötet worden sein. 1394 wurden die Juden aus Frankreich ausgewiesen. In Spanien wurden unter König Ferdinand II. im Jahre 1492 alle Juden aus dem Land vertrieben. Vier Jahre später mussten die Juden das Herzogtum Österreich verlassen. 1497 folgte die Vertreibung aus Portugal. Viele Juden flohen von der iberischen Halbinsel nach Nordafrika und ins Osmanische Reich. Auch in Russland und Polen kam es immer wieder zu Verfolgungen und Progromen.

Im 18. Jahrhundert änderte sich die Situation vielerorts. Vorreiter waren die neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika. Dort wurden bereits im Jahre 1776 die Juden gleichgestellte US-Bürger. Nach der französischen Revolution folgte im Jahre 1796 die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Frankreich. 

Während sich im Westen die Juden emanzipieren konnten und freier wurden, gab es in Osteuropa weiterhin Progrome und Verfolgungen. Besonders betroffen waren die Juden im Russischen Zarenreich. Dort gab es große Progrome in den Jahren 1881-1884 und 1903-1906. Auch nach der Oktoberrevolution wurde es nicht besser. Unzählige Juden wurden im russischen Bürgerkrieg von 1917-1921 getötet.

Der Holocaust

Nach dem Exodus, dem Babylonischen Exil, der weltweiten Diaspora und den unzähligen Progromen blickten die Juden bereits auf eine lange Reihe von schrecklichen Ereignissen zurück, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Doch mit der Judenemanzipation in Mitteleuropa und dem Erfolg zahlreicher Juden in der Wissenschaft, Kunst, Musik, Literatur, Wirtschaft, Politik und im Finanzwesen schien es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu einer Überwindung der Leidensgeschichte gekommen zu sein. Viele Juden, insbesondere in Deutschland und Österreich, glaubten in der Gesellschaft angekommen zu sein. In vielen Branchen und Berufen des Bildungsbürgertums stellten sie einen proportional hohen Anteil. Umso überwältigender war der Umschwung, der mit den Nationalsozialisten kam. Anfangs ungläubig und blind für die Gefahr, hofften viele Juden in Mitteleuropa, dass die Verfolgung an ihnen vorbeigehen würde. Doch während Zweiten Weltkrieges kam es zur größten Katastrophe in der Geschichte des Judentums, dem Holocaust. Die Juden sprechen von der „Schoah“. Dies bedeutet so viel wie „Katastrophe“.

Der Holocaust hat zu einer tiefen Traumatisierung vieler Juden geführt und in den allermeisten Familien große Lücken hinterlassen. Fast alle Juden Europas hatten Angehörige verloren. Die Erinnerung an die Verfolgungen zur Zeit der Nationalsozialisten war bei vielen jüdischen Migranten, die nach Palästina kamen, eine wichtige Motivation für den Aufbau des neuen Staates Israel. Bis heute ist die Erinnerung an den Holocaust ein tragendes und bindendes Element der Juden in aller Welt. Diese Erinnerung verbindet Sephardim, Aschkenasim, orthodoxe Juden und weltlich-säkulare Juden, Israelis und amerikanische Juden.

Während der nationalsozialistischen Besetzung weiter Teile Europas und der gezielten Verfolgung und Deportation vieler Juden in Arbeitslager, Konzentrationslager und Vernichtungslager sind schätzungsweise 5,5 bis 6,5 Millionen Juden ums Leben gekommen. Der Name des Konzentrationslagers Auschwitz ist zum Synonym für Massenmord und Horror geworden. Allein dort sind mehr als eine Million Menschen getötet worden.

Der entscheidende Unterschied zwischen dem Holocaust und allen vorhergehenden Ereignissen in der jüdischen Geschichte war, dass mit der sogenannten „Endlösung“ die komplette Auslöschung des jüdischen Volkes in Europa geplant war. Nach anfänglichen Ghettoisierungen und Verfolgungen wurden in der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkrieges, nach der berüchtigten Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942, Millionen Juden nach exakten Plänen in die Vernichtungslager deportiert.

Während des Zweiten Weltkrieges gab es hunderttausende jüdische Flüchtlinge, die aus den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten flohen. Doch nicht überall wurden sie aufgenommen. Selbst aus Großbritannien wurden viele wieder ausgewiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Überlebende des Krieges und des Holocaust ohne Heimat. Besonders die mittel- und osteuropäischen Juden konnten nicht wieder zurück in die Städte ihrer Herkunft. In Osteuropa fürchteten viele neue Verfolgungen durch die Stalindiktatur. 

Neben den USA war insbesondere Palästina das Ziel vieler Flüchtlinge. Die britische Mandatsmacht hielt sie anfangs zurück. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 fielen die Schranken. Allein in den ersten drei bis vier Jahren nach der Staatsgründung wanderten rund 700.000 Juden nach Israel ein. Weitere Hunderttausende folgten in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Bis heute trifft man in Israel immer wieder auf Überlebende des Holocaust und auf deren Angehörige. So ist der Holocaust ein Teil des Gründungsgedankens geworden. Denn die schrecklichen Ereignisse in Europa hatten die Gründung Israels als Heimstätte aller Juden beschleunigt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989/1990 kam eine neue Einwanderungswelle nach Israel. In den 1990er Jahren wanderten rund eine Millionen osteuropäische Juden nach Israel ein. Damit reduzierte sich die Zahl der in der europäischen Diaspora lebenden Juden drastisch, während die Einwohnerzahl Israels wuchs.

Die Diaspora der heutigen Juden

Heute gibt es auf der ganzen Welt geschätzt rund 14 bis 15 Millionen Juden. Die meisten davon leben in den USA (5-6 Millionen) und in Israel (6 Millionen). In Europa leben heute schätzungsweise 1,5 Millionen Juden, die meisten davon in Frankreich und Großbritannien. In Deutschland leben rund 117.000 Juden.

Damit lebt auch heute noch die Mehrheit der Juden in der Diaspora. Doch die Tatsache, dass rund 6 Millionen Juden in Israel eine neue Heimat gefunden haben und diese Heimat eine starke Stütze durch die jüdischen Gemeinden in den USA erfährt, ist nach fast zweitausend Jahren nahezu kompletter Diaspora eine große Veränderung. Nach Israels Gesetzen können alle Juden weltweit israelische Staatsbürgerschaft beantragen, wenn sie dorthin auswandern wollen.