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Qumran (Khirbet Qumran)

Es war eine archäologische und bibelhistorische Sensation. In einer Höhle am Toten Meer waren zweitausend Jahre alte Schriftrollen gefunden worden. Dann kamen in benachbarten Höhlen weitere Schriftzeugnisse zutage. Es handelt sich um die ältesten Fragmente biblischer Texte, die man bisher gefunden hat. Schließlich folgten Ausgrabungen eines nahe gelegenen Ruinenhügels, bei der man 1952 bis 1956 die Überreste einer klosterartigen jüdischen Gemeindesiedlung zutage förderte. Theologen und Historiker schließen nicht aus, dass es sich um eine Siedlung der Essener handeln könnte.


Video zu Qumran am Toten Meer - © STERN TOURS

Mit Auto sind es rund 45 Kilometer von Jerusalem zur antiken Stätte von Qumran am Toten Meer. Von Jericho aus sind es nur 20 Kilometer. In den letzten Jahren ist der Ort zu einer beliebten Touristenattraktion geworden. Die Besichtigung kann gut mit einem Besuch von Masada und En Gedi verbunden werden. Qumran liegt wie Jericho im Bereich des palästinensischen Autonomiegebietes.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ob es sich tatsächlich um eine Klostergemeinde der Essener handelt, ist nicht eindeutig bewiesen und zurzeit Gegenstand einer lebhaften wissenschaftlichen Debatte. Klar ist aber, dass es sich bei den ausgegrabenen Ruinen um die Hinterlassenschaften einer strenggläubigen jüdischen Sondergemeinschaft handelt, die in der Epoche der Makkabäer und zur Zeit Jesu am Toten Meer siedelte.

Die Geschichte der Entdeckung der Schriftrollen

s war im Sommer des Jahres 1947. Ziegenhirten eines lokalen Beduinenstammes ließen in der Nähe der Ruinen von Qumran ihre Herde weiden. Ein Junge machte sich auf die Suche nach einem verloren gegangenen Tier. Dabei entdeckte er in einer Höhle Tonkrüge. In den Krügen waren alte Schriftrollen, teils aus Pergament, teils aus Papyrus, die mit Leinentüchern umwickelt und von Lederriemen zusammengehalten waren. Die Beduinen wollten die alten Schriftrollen zu Geld machen und einem Antiquitätenhändler verkaufen. Der konnte damit nichts anfangen und verwies sie weiter. Ein syrisch-orthodoxer Bischof erkannte den Wert der Schriftrollen und kaufte sie. Die Beduinen machten sich auf die Suche nach weiteren Schriftrollen, ebenso die Wissenschaftler, die auf den Fund aufmerksam geworden waren. Bis heute wurden rund vierzig Höhlen untersucht und in insgesamt elf Höhlen zusammen über 900 Schriftrollen gefunden. Allerdings sind nur wenige komplett erhalten. Oftmals mussten Tausende kleine Pergamentfetzen wie ein Puzzle zusammengefügt werden. Die Texte stammen größtenteils aus dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. und sind überwiegend auf Hebräisch verfasst. Einige sind in aramäischer Sprache niedergeschrieben. Zur damaligen Zeit war Hebräisch die Sprache der traditionellen Religionsausübung, aber Aramäisch die in der ganzen Levante verbreitete Umgangssprache. Das besondere und sensationelle der Texte sind die Passagen aus dem Alten Testament. Die bis zum Fund der Qumran-Texte ältesten bekannten Bibelhandschriften stammten aus dem frühen Mittelalter. Nun hat man Handschriften, die aus der biblischen Zeit selbst stammen. Insofern handelt es sich um die ältesten biblischen Handschriften, die jemals gefunden wurden. Eine Schriftrolle enthält sogar beinahe den gesamten Textkorpus des Buches Jesaja. Außerdem gehören zu den Funden religiöse jüdische Texte, die nicht Einzug in die Endversion der hebräischen Bibel gefunden haben. Dazu gehört eine umfangreiche Schriftrolle mit Texten zur Endzeit und dem Kampf Gottes gegen das Böse, die stark an persisch-zororastrische Ideen des Endzeitalters erinnern. Jesus wird in diesen Texten nicht erwähnt. Das mag daran liegen, dass die allermeisten Handschriften aus der Zeit vor Christi Geburt stammen. Allerdings spiegeln sie eine Gedanken- und Glaubenswelt wider, die zur Zeit Jesu den Zeitgeist bestimmt hat und auch der Hintergrund der frühen christlichen Gemeinden gewesen sein musste.

Heute können die Schriftrollen und Fragmente im Jerusalemer Rockefeller-Museum und im Israel-Museum besichtigt werden. Im letztgenannten hat man einen speziellen Ausstellungsraum geschaffen, den sogenannten Schrein des Buches, in dem einige Schriftrollen von Qumran zusammen mit anderen bedeutenden alten Textfunden ausgestellt sind. Es wurden nämlich noch weitere Schriftstücke, und zwar auf Masada und auch am Westufer des Toten Meeres gefunden.

Wer waren die Essener? Wer waren die Menschen in Qumran?

Antike Quellen erwähnen neben den Pharisäern und Sadduzäern als religiöse Ausrichtungen den praktizierten Judentums noch die Essener (auch Essäer genannt, von Hasidäer, „die Frommen“). Es handelte sich um eine Gruppe strenggläubiger Juden, die einer spirituell-orientierten Glaubensauslegung folgten. Sie lebten abseits des städtischen Trubels in klosterähnlichen Gemeinden in der Weite der Wüste. Ihr Alltag bestand vornehmlich aus Arbeit und Gebet. Die Arbeit war handwerklich und landwirtschaftlich. Handel betrieben sie nicht. Außerdem lebten sie zölibatär, gewaltfrei, ohne umfangreichen Privatbesitz und enthaltsam gegenüber weltlichen Vergnügungen. Es galt strenge Gemeinschaftsregeln einzuhalten. Frömmigkeit und Zurückhaltung waren wichtige Tugenden.

Als wichtigste Überlieferungen zu den Essenern gelten einschlägige Berichte von Flavius Josephus. Den Texten nach zu urteilen, glaubten sie an die Ankunft des Messias und an ein apokalyptisches Ende der Welt, auf das sie sich spirituell vorbereiteten. Es muss jedoch festgehalten werden, dass eine Textstelle, die die Menschen von Qumran eindeutig und namentlich als Essener identifiziert, fehlt. Wie auch immer die Identifikation mit den Essenern durch die künftige Forschung bestätigt oder falsifiziert wird, so steht heute schon fest, dass es sich um eine jüdische Sondergruppe handelte, die sich bewusst von der übrigen Bevölkerung abgekanzelt hat, um in der Einsamkeit der Wüste ihren Glauben zu leben. Anlass der Assoziation der Qumran-Bewohner mit den Essenern sind die Textfragmente der Schriftrollen von Qumran, die Verhaltensweisen, Gemeinderegeln, Hausordnungen, Strafen, Gebetsregeln und Tugenden thematisieren und vom hierarchischen Aufbau der Gruppe berichten.

Tatsächlich gab es neben den klassischen Pharisäern und Sadduzäern zahlreiche kleine Sondergruppierungen, die sich durch eine andere Interpretation der heiligen Texte und andere Glaubenspraxis unterschieden. Viele Aspekte dieser Glaubensgruppen erinnern an die frühen Christen und bestätigen einmal mehr, dass das Christentum aus einer Abspaltung der jüdischen Reformbewegungen entstand. Der historische Jesus von Nazareth war hinsichtlich seines gesellschaftlichen und religiösen Hintergrundes mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Jude, der im Zeitgeist dieser Reformbewegungen dachte. Auch die biblische Figur Johannes des Täufers muss vor diesem Hintergrund betrachtet werden.

Die Ruinen der Siedlung

Die antike Siedlung liegt auf einem Steinwüstenplateau etwa 95 Meter oberhalb des Toten Meeres (je nach verdunstungsbedingten Wasserstand). Die archäologische Ausgrabung hat mehrere Siedlungsschichten (Fachbegriff: Strata, Schichtung eines Siedlungshügels: Stratigraphie) identifiziert. In der untersten Schicht, Stratum 0 genannt, fand man Gebäudereste einer kleinen Festungssiedlung aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. Der Ort wurde jedoch im 6. Jahrhundert v. Chr. aufgegeben. Erst Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. siedelte wieder eine jüdische Gemeinde am Ort (Stratum I A). Dann, im ersten Jahrhundert v. Chr. bis zur Zeit Jesu, entstand eine große Gemeindesiedlung mit zahlreichen Vorrats- und Gemeinschaftssiedlungen (Stratum I B). Um 31 v. Chr. gab es ein Erdbeben, bei dem zahlreiche Gebäude zerstört wurden. Danach wurde die Gebäude wieder aufgebaut (Stratum II). Doch anlässlich des Jüdischen Aufstandes und der Niederschlagung desselben durch die Römer wurde die Siedlung um 68 n. Chr. erneut zerstört. Schließlich dienten nur noch einige wenige Gebäude als Unterkünfte für römische Legionäre (Stratum II).

Die Ausgrabungen wurden in den 1950er Jahren von Roland de Vaux durchgeführt, einem Dominikaner und Bibelarchäologen und Direktor der „École biblique et archéologique de Jérusalem“. Später haben noch verschiedene israelische Archäologen Ausgrabungen durchgeführt. Dabei wurde auch eine Gräberstätte mit mehr als tausend Einzelgräbern entdeckt. Da, bis auf wenige Ausnahmen, in fast allen Gräbern männliche Skelette gefunden wurden, scheint dies die zölibatäre Lebensweise einer klosterähnlichen Glaubens- und Lebensgemeinschaft zumindest teilweise zu belegen. Außerdem wurden zahlreiche Werkzeuge, Alltagsgegenstände, Münzen, Getreidemühlen und Keramiken der Bewohner von Qumran ausgegraben. Heute sind die Ruinen restauriert und für touristische Besichtigungen präpariert.

Das Ruinengelände ist recht übersichtlich und weniger spektakulär als viele andere archäologische Stätten Israels. Doch der Umstand, dass hier die weltberühmten Schriftrollen gefunden wurden, zieht die Besucher scheinbar magisch an. Die Gebäudefundamente und Mauern stehen durchschnittlich noch etwa ein Meter hoch. Zu sehen sind hauptsächlich Gebäude aus der Zeit kurz vor Christi Geburt. Es handelt sich größtenteils um Gemeinschaftsräume, Handwerksstätten wie z. B. einer Töpferei, Vorratsräumen, Esssälen, Speisekammern, einer Küche, Zisternen und einem jüdischen Ritualbad sowie Stallungen für Kleinvieh. Ein kleines Aquädukt führte Wasser von Quellen im Wadi Qumran in die Anlage. Einzelne Schlafgemächer konnten bisher nicht ausgemacht werden. Ein Raum wurde angeblich als Schreibstube, als Scriptorium, identifiziert. Hier wurden vielleicht die Abschriften und Manuskripte der Heiligen Schrift angefertigt, die man – vielleicht aus Furcht vor der Zerstörungswut der Römer – in den Höhlen an den Felshängen außerhalb der Siedlung versteckt hatte. Jedenfalls wurden innerhalb der Siedlung selbst keine Schriftrollen gefunden. Die Zahl der Bewohner wird auf maximal 200 bis 300 Menschen geschätzt. Die Höhlen an den Felswänden oberhalb der Siedlung dienten vermutlich als Fluchtort oder schlicht als Versteck.

Es muss dazu erwähnt werden, dass die Wüstenlandschaft am Toten Meer vor zweitausend Jahren von mehr Oasen und landwirtschaftlich nutzbaren Gebieten geprägt war als man sich das heute beim Anblick des kargen Wüstenlandes vorstellen mag. Die Oasen waren zum Teil mit Wegen und Straßen verbunden. Zur Bewässerung diente nicht das Salzwasser des Toten Meeres, das schon damals ungeeignet war, sondern die Quellen und Wadis in der Umgebung. Viele diese Quellen sind heute versiegt und viele Wadis führen des Winters kaum noch Wasser. Doch damals reichte es zumindest aus, um eine gewisse Anzahl von Oasensiedlungen und landwirtschaftlichen Gehöften am Toten Meer zu ermöglichen. Auch große Dattelpalmplantagen scheint es gegeben zu haben. Die Wadis wurden im Winter und Frühling vom Regenwasser der höheren Bergregionen gespeist. Am Toten Meer selbst dürfte es schon damals kaum geregnet haben. Jedenfalls war Qumran nicht die einzige Landwirtschaftssiedlung am Toten Meer. Sogar am Westufer, auf jordanischer Seite, gab es Siedlungen und Einzelgehöfte.

Autor dieses Artikels:

M.Hüneburg