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Osteuropäische Juden in Israel

Mindestens die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels stammt von den Aschkenasim (Ashkenazim) Mittel- und Osteuropas ab. Dabei sind ihre Gruppierungen innerhalb der israelischen Gesellschaft vielfältig: von säkular-zionistisch bis traditionell-religiös. Über Jahrzehnte haben die Aschkenasim erheblich das Bild des Landes mitgeprägt und oft die politische Elite gestellt. Heute vermischen sich die Aschkenasim zunehmend mit den mediterranen und orientalischen Juden, den Sephardim und Mizrachim. Nur die ultra-orthodoxen Aschkenasim, wie die Chassidim, bleiben unter sich.

Ihre gemeinsame Sprache war Jiddisch. Im Mittelalter lagen ihre Heimatorte in den deutschsprachigen, ungarischen und slawischen Gebieten Mittel- und Osteuropas. Aufgrund der Judenverfolgungen verlagerte sich ihr demographischer Schwerpunkt zunehmend nach Osten. Im 18. und 19. Jahrhundert lebten mit Abstand die meisten aschkenasischen Juden in den Gebieten Polens, Litauens, Weißrusslands und in der westlichen Ukraine. Bis zum Ersten Weltkrieg gehörten diese Gebiete überwiegend zum Russischen Zarenreich und teilweise zu Österreich-Ungarn. Landschaften und Regionen wie Galizien, Podolien, Wolhynien, die Bukowina, die Großräume von Kiew, Warschau und Minsk sowie ganz besonders die ostpolnischen Landschaften wiesen den höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung auf. Teilweise lag der jüdische Bevölkerungsanteil bei zehn bis zwanzig Prozent. In machen Städten war ihr Anteil sogar noch höher. In Minsk etwa waren um 1900 rund die Hälfte der Bewohner Aschkenasim. In zahlreichen Städten Osteuropas wurden den Juden Rechte und teilweise sogar Privilegien eingeräumt, die ihnen in Mitteleuropa lange verwehrt geblieben waren. Zum Teil bekamen ihre Siedlungen und Stadtviertel lokale Autonomierechte. Die Kultur der Schtot und des Schtetls (der jüdisch geprägten Stadt und des Städtleins) war geboren. Andererseits wechselten die positiven Erfahrungen mit Zeiten der Verfolgung ab. Immer wieder kam es auch in Osteuropa zu Judenpogromen. Das mussten die osteuropäischen Juden schon 1648 erfahren, als unter dem ukrainischen Kosakenführer Bohdan Chmelnyzkyj Zehntausende Juden ermordet wurden. Hinzu kam, dass die aschkenasischen Juden mit den anderen Bevölkerungsgruppen dieser Regionen Osteuropas das Schicksal der zahlreichen Kriege, Revolutionen, Aufstände, Verfolgungen und wiederholten Grenzverschiebungen teilten, welche Auswanderungswellen, ethnische Säuberungen und Zwangsdeportationen zur Folge hatten. So wurden wechselhaft Minderheiten zu Mehrheiten und Mehrheiten zu Minderheiten: Polen, Ukrainer, Deutsche, Weißrussen, Russen und Litauer. Nur die Aschkenasim, sie waren immer in der Minderheit und somit immer von der Gunst der jeweils herrschenden politischen Macht und vom Wohlwollen der jeweils dominierenden Volksgruppe abhängig. Das wurde ihnen oft zum Vorwurf gemacht. Mit jeder Veränderung der Machtverhältnisse wurde den Juden unterstellt, mit den einstigen Unterdrückern gemeinsame Sache gemacht zu haben. Es gab aber auch Zeiten gegenseitiger Toleranz, weil man zum Teil Haus an Haus, Dorf an Dorf, Stadtteil an Stadtteil benachbart lebte. Die ganze Region stand stets auf Messers Schneide, stets auf der Kippe zwischen weltoffener Multikulturalität und nationalistischer Ideologie. Im Gegensatz zu den sephardischen Juden Iberiens und des Maghreb, die sich stärker an die Kultur der Länder assimilierten, schlossen sich die osteuropäischen Aschkenasim von der Außenwelt kulturell ab, indem sie eine Art Parallelgesellschaft zur lokalen osteuropäischen Bevölkerungen bildeten. Damit entwickelte sich auch ein Gegensatz zu den mitteleuropäischen Juden im deutschsprachigen Raum, die im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend in der sie umgebenen Gesellschaft und Kultur aufgegangen waren. Die osteuropäischen Chassidim, ultra-orthodoxe Juden mit markanten Trachten und streng-religiösen Lebensvorstellungen, sind ein Beispiel für die kulturelle Abkapselung osteuropäischer Aschkenasim von der nichtjüdischen Umwelt. Diese osteuropäische, insbesondere polnisch-weißrussisch-ukrainische Region war es nun, aus der die zahlenmäßig größten Einwanderungswellen zunächst ins Mandatsgebiet Palästina und schließlich ins neu gegründete Israel strömten. Viele führende Politiker des frühen Staates Israel hatten dort ihre familiären Wurzeln. David Ben-Gurion kam aus dieser Region, Golda Meir wurde dort geboren, ebenso Shimon Peres und Chaim Weizmann. Auch die Eltern von Itzhak Rabin, Moshe Dayan und Ariel Sharon waren von dort nach Palästina ausgewandert. Die ersten Einwanderungswellen waren die Folge osteuropäischer Pogrome. Hinzu kam aus Mitteleuropa die Idee des Zionismus, die sich unter den Juden Osteuropas wie ein Lauffeuer ausbreitete und Hoffnung auf eine neue Zukunftsperspektive weckte. Dann kamen der Zusammenbruch des Russischen Zarenreiches und die Grenzkonflikte zwischen dem politisch wiedererstandenen Polen mit Litauen, Weißrussland und der Ukraine sowie die kommunistische Revolution und die anschließend expandierende Sowjetunion, die die osteuropäische Gesellschaft von Grund auf umstrukturierten. Diese Ereignisse, verbunden mit wirtschaftlichen Notlagen, veranlassten viele osteuropäische Juden, den Weg ins verheißene Land Palästina zu suchen. Schließlich ereignete sich die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Der Krieg zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der stalinistischen UdSSR entwickelte sich zum blutigsten und verlustreichsten Konflikt der Geschichte . Im Windschatten der Frontlinien wurde von deutscher Seite die radikalste Form des Völkermordes umgesetzt. Zu den sich bekämpfenden Nationen und Volksgruppen kam die rassistische Hetze. Der Holocaust beendete endgültig die Blütezeit der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für viele osteuropäische Juden nur noch einen Wunsch: raus aus der Hölle und heim ins gelobte Land Israel. Die einzige Alternative zu Israel, die ebenfalls von vielen osteuropäischen Aschkenasim gewählt wurde, war die Auswanderung nach Amerika. Von den rund sechs bis sieben Millionen Juden in den USA sind rund 90 Prozent Aschkenasim, die ihre familiären Ursprünge in Mittel- und Osteuropa haben. Nur 10 Prozent der amerikanischen Juden sind Sephardim oder Mizrachim. Die osteuropäischen Juden haben einen großen Anteil an der Kibbuzbewegung ausgemacht. Angelehnt an sozialistische, anarchistische und zionistische Ideen, wollten sie ein Lebensmodell umsetzen, dass ein Gegenmodell zum traditionellen und streng religiösem Schtetl mit seinen patriarchalischen Moralvorschriften sein sollte. Ein zweiter Schub aus Osteuropa wanderte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Paktes nach Israel ein. Inzwischen sind es weit mehr als eine Million Menschen, die seit 1990 von dort nach Israel kamen. Dazu gehören jedoch auch ehemalige Sowjetbürger, die bei ihrer Einreise zwar jüdische Vorfahren nachweisen konnten, aber kulturell und religiös nicht mehr als Juden gelten, weil sie in der russischen Gesellschaft assimiliert wurden und als Atheisten oder orthodoxe Christen aufgewachsen sind. Auf den Anspruch auf die israelische Staatsbürgerschaft hat dies jedoch keinen Einfluss, solange entlang der mütterlichen Linie eine jüdische Genealogie nachgewiesen werden kann. Heute bilden die Aschkenasim etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels. Die andere Hälfte sind entweder Sephardim (Sepharden, Sfaradim) aus dem westlichen Mittelmeerraum oder Mizrachim (Misrahim, Mizrakhim) aus den Nahen und Mittleren Osten. Von den in Israel lebenden Aschkenasim haben etwa fast zwei Millionen ihre Wurzeln in Osteuropa. Dagegen ist der Anteil der aus dem deutschsprachigen Raum kommenden aschkenasischen Juden relativ gering. Insgesamt dürften es nicht mehr als 200.000 sein. In Zukunft dürften sich die Unterschiede zwischen den jüdischen Gruppen mehr und mehr auflösen, da es zunehmend Mischehen bzw. gemischte Familien gibt. Von den aus Osteuropa stammenden Juden und Israelis stehen heutzutage insbesondere zwei Gruppen im Fokus der öffentlichen Diskussion. Das sind zum einen die ultra-orthodoxen Juden, die zum Teil den Staat Israel nicht anerkennen, weil der Messias noch nicht erschienen sei, und deshalb keine Steuern zahlen, keinen Wehrdienst leisten, aber Sozialleistungen des israelischen Staates in Anspruch nehmen. Zum anderen sind es jene neu eingewanderten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die lediglich aufgrund besserer Zukunfts- und Jobperspektiven nach Israel immigriert sind und sich deshalb ihrer jüdischen Vorfahren erinnert haben, ohne jedoch mit der jüdischen Kultur oder Religion oder gar dem Zionismus einen emotionale Bindung zu haben. Viele zionistisch geprägte Israelis äußern offen ihren Unmut darüber, dass sowohl die streng-religiösen ultra-orthodoxen Juden als auch die nicht jüdisch geprägten Späteinwanderer aus der zusammengebrochenen Sowjetunion sich von der israelischen Gesellschaft stärker abgrenzen, statt sich zu integrieren. Während jedoch sich bei den neu eingewanderten Russen und Ukrainern die Kinder durch ihre Zeit in der Schule und während des Militärdienstes an ihr neues Heimatland zunehmend anpassen, so ist bei den ultra-orthodoxen Juden diese Entwicklung nicht zu erkennen, zumal diese ihre Kinder oftmals auf eigene, religiös ausgerichtete, Schulen schicken. Ein auffälliges Beispiel für die orthodoxe Abkapselung ist das Stadtviertel Mea Shearim nahe der Jerusalem er Altstadt, in dem die Kultur und Traditionen des osteuropäischen Schtetls gepflegt werden und Jiddisch gesprochen wird.