Mann und Frau

Was den Umgang zwischen Männern und Frauen angeht, so zeigt sich gerade hier der Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen und Traditionen. Interessanterweise ist hier weniger die Religionszugehörigkeit entscheidend, als vielmehr die Frage der Religiosität an sich.


Sowohl bei den Muslimen als auch bei den strenggläubigen orthodoxen Juden und orientalischen Christen sind die Umgangsformen zwischen Männern und Frauen stärker reglementiert als bei uns in Mitteleuropa. Je religiöser, je strenggläubiger, desto mehr Reglements gibt es – je säkularer, desto weniger Einschränkungen. Hier treffen Welten aufeinander.

Im religiösen Umfeld sollten Männer Frauen gegenüber freundliche Zurückhaltung üben. Als fremder männlicher Gast sollte man einer Frau nur dann die Hand geben, wenn man dazu aufgefordert wird. Ansonsten genügt eine verbale Begrüßung. Männer werden zuerst begrüßt, dann die Frauen. In muslimischen Gegenden aber auch in orthodox-jüdischen Stadtvierteln und Siedlungen sollten Paare in der Öffentlichkeit Liebesbekundungen wie Handhalten, Küssen oder Umarmen meiden. In islamischen Gegenden geht der Mann voraus, die Frau folgt. Außerdem sind, streng genommen, in allen großen Religionen unverheiratete Paare moralisch fragwürdig – auch wenn man dies an den Stränden und in den Partymeilen von Tel Aviv natürlich anders sieht.

Apropos Heirat zwischen den Religionen: Unter Muslimen ist es zwar üblich, dass muslimische Männer jüdische oder christliche Frauen heiraten dürfen. Aber muslimische Frauen dürfen nur muslimische Männer heiraten. Wenn ein Christ oder Jude eine Muslimin heiraten möchte, muss er zuvor zum Islam übertreten.

Orthodoxe Juden bleiben gern unter sich. Ehen mit Andersgläubigen sind nicht gern gesehen. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist starken Reglementierungen unterworfen. Der verheiratete Familienvater ist auch Oberhaupt der Familie. Während die Frauen sich mehr um die weltlichen Dinge kümmern, die Kinder versorgen, den Haushalt erledigen und gegebenenfalls noch Geld verdienen, ist die Hauptaufgabe der Männer, zu Beten und die heilige Schrift zu rezitieren und Textstellen zu diskutieren.

Wichtig: Allein reisende Frauen sollten unbedingt auf ihre Kleidung und ihr Auftreten achten! In den Siedlungsgebieten der orthodoxen Juden als auch in den muslimisch-arabischen Siedlungen gelten Frauen mit knapper Bekleidung als höchst unmoralisch. Einige orthodoxe Juden oder Muslime können sich beleidigt fühlen und die allein reisende Frau beschimpfen.

An der Klagemauer und in einigen religiösen Einrichtungen und bestimmten Synagogen gibt es getrennte Bereiche für Männer und Frauen. Auch unter Muslimen gilt in vielen Bereichen des Lebens strenge Geschlechtertrennung. Allein reisende Frauen sollten sich in öffentlichen Verkehrsmitteln zu anderen Frauen setzen, nicht zu den Männern.

Anders ist die Situation unter weltlichen Israelis in den Großstädten. Hier sind die sittlichen Vorschriften nicht streng. In Tel Aviv herrscht zwischen Männern und Frauen ein sehr offener, manchmal freizügiger Umgang. Das Nachtleben in den Diskotheken und Bars unterscheidet sich kaum von dem in Europa oder Amerika. Allerdings kann es vorkommen, dass einige Männer sich unsittliche Anmachsprüche erlauben. Überhaupt müssen sich allein reisende Frauen auf einen Spießroutenlauf der Anmache und Machosprüche gefasst machen, wenn sie sich entsprechend kleiden oder verhalten. Und das gilt im ganzen Land. Was der muslimische Großvater als unsittlich empfindet, kann der jugendliche Palästinenser aufreizend finden und sich zur Anmache eingeladen fühlen. Beim Umgang mit muslimischen Männern ist es ratsam, direkten Blickkontakt zu meiden.

Allein reisende Frauen, die sich die Männer auf Distanz halten und Aufdringlichkeiten ersparen wollen, sollten sich möglichst sittsam kleiden und auf provozierende Anmachsprüche und aufdringliche Blicke nicht reagieren. Außerdem ist es sicherer mit Freundinnen oder in Gruppen durch das Land zu reisen als ganz allein.

Schwule oder lesbische Paare sollten ihre Neigungen und Beziehungen nicht öffentlich zeigen, wenn sie Konfrontationen vermeiden wollen. Dies gilt besonders für religiöse Orte und die Palästinensergebiete sowie die orthodoxen Siedlungen. Die meisten Bewohner Israels sind diesbezüglich wenig tolerant, egal welcher Religion sie angehören. Zwar mag es in Grosstädten wie Tel Aviv und Haifa Viertel geben, wo mehr Offenheit und Toleranz herrscht. Auch ist die Jugend offener und progressiver als die älteren Generationen. Dennoch sollte man(n)/frau nicht unnötigerweise provozieren.

Was die Emanzipation angeht, gibt es auch hier unterschiedliche Ideologien. Säkulare, westlich orientiert Israelis sind in der Regel sehr emanzipiert. Frauen stehen ihren Mann im Beruf, sind sogar im Militärdienst. Es gibt Polizistinnen, Professorinnen, Ärztinnen, Ingenieurinnen usw. Betracht man die Lebenswelt der Muslime und orthodoxen Juden, sieht es ganz anders aus. Hier sind die Rollen klar verteilt. Der Familienvater übernimmt die Rolle des Patriarchen.