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Die Via Dolorosa in Jerusalem

Religion lebt von Ritualen und Inszenierungen. Die Via Dolorosa , lateinisch für die „Straße des Schmerzes“, die sich durch die Altstadt von Jerusalem zieht, steht symbolisch für Leidensweg Christi am Tage seiner Kreuzigung. Sie beschreibt den Weg Jesu vom Amtssitz des römischen Statthalters Pontius Pilatus bis hin zum Hügel Golgatha, wo er daselbst gekreuzigt wurde. Über viele Stationen musste er – der religiösen Überlieferung nach – sein eigenes Kreuz schleppen. Schließlich beschreiben die die letzten beiden Stationen die Orte von Jesu Grablegung. Die heutige Via Dolorosa, von der man nicht weiß, ob sie exakt mit allen alten Ortsangaben übereinstimmt, erstreckt sich vom Löwentor (auch Stephanstor genannt) bis hin zur altehrwürdigen Grabeskirche . In der Grabeskirche schließlich werden die letzten Stationen begangen, die sich um das Thema der Kreuzigung und Grablegung drehen.


Video zur Via-Dolorosa - Station 3 bis 7 in Jerusalem - © STERN TOURS

In den Osterferien ist Jerusalem übervoll von Touristen, die nicht nur wegen der Sehenswürdigkeiten, sondern auch wegen der heiligen Tage, von Karfreitag über das Osterfest bis zu Christi Himmelfahrt, in die ewige Stadt gekommen sind. Besonders die Katholiken, aber auch die Christen anderer Konfessionen, zieht es am Karfreitag zur Via Dolorosa. Diese Straße beschreibt anhand mehrerer Stationen den Leidens- und Kreuzweg Jesu, welcher vom Amtssitz des römischen Statthalters Pontius Pilatus bis hin Hügel Golgatha führt, wobei die Orte heute ganz anders aussehen als damals zur Zeit Jesu. Auch ist nicht gesichert, ob alle Erinnerungsorte der Via Dolorosa mit denen des historischen Ereignisses übereinstimmen. Denn viele Orte der Route sind im Evangelium nicht belegt. Doch schon allein aufgrund der jahrhundertealten Tradition hat sich eine Route als heilige Strecke Jesu etabliert, die von den meisten gläubigen Christen anerkannt ist. Vom Hügel Golgatha ist heute nichts mehr zu sehen. Doch in unmittelbarer Nähe, wo er einst gelegen war, soll Jesus dereinst begraben worden sein. Dort steht heute die Grabeskirche, eine der heiligsten Stätten der gesamten Christenheit.

Die Rekonstruktion der Route des Kreuzweges Jesu ist also weniger eine Rekonstruktion mit dem Ziel historischer Genauigkeit, als vielmehr ein Weg, der die religiöse Symbolik und Empathie des Gläubigen mit den Leiden Jesu verbindet. Es geht darum, das Leiden Jesu während des Ganges durch Jerusalem am Karfreitag nachzuempfinden und am folgenden Osterfest dessen Auferstehung zu feiern.

Wichtige Rekonstruktionen des Weges stammen vermutlich aus der Kreuzfahrerzeit des Mittelalters. Auch der lateinische Name „Via Dolorosa“ stammt aus dieser Zeit. Der historische Jesus jedoch wird einen Teil des Weges weniger durch zahlreiche Gassen als vielmehr vor den Toren der Stadt auf freier Fläche zurückgelegt haben, denn der Hügel Golgatha lag in der Antike außerhalb der Stadt.

Die erste Station: Pilatus verurteilt Jesus zum Tode durch Kreuzigung

Im nordöstlichen Teil der Altstadt, unweit der heutigen römisch-katholischen St. Anna-Kirche (Kreuzfahrerkirche aus dem Jahre 1142, auf den Ruinen einer älteren byzantinischen Kirche errichtet) und nur wenige Meter vom Stephanstor (wegen eines Reliefs auch „Löwentor“ genannt) entfernt, befindet sich ein offener Hof vor einer muslimischen Schule. Hier soll sich in der Antike die Festung Antonia mit dem Amtssitz des römischen Statthalters befunden haben. Jesus Christus soll hier von Pontius Pilatus sein Urteilsspruch empfangen haben. Daraufhin soll Pilatus seine „Hände in Unschuld gewaschen“ haben. Der Überlieferung nach soll er das harte Urteil nur deshalb ausgesprochen haben, um dem Drängen der Hohenpriester und den lautstarken Forderungen des Mobs auf der Straße nachzugeben. 

Die zweite Station: Jesus ergreift das Holzkreuz und beginnt seinen Weg

Von der ersten Station führt der weitere Weg des Kreuzgangs durch die Altstadt von Nordosten bis Südwesten. Die zweite Station des Weges ist eine Stelle, die als Ort der Geißelung angesprochen wird. An diesem Ort soll Jesus geschlagen, gedemütigt und ihm die Dornenkrone aufs Haupt gesetzt worden sein. An diese Begebenheit erinnern zwei Gebäude, zur Rechten (von Osten kommend) die Franziskanerkapelle der Geißelung sowie dahinter das sogenannte Kloster der Geißelung.

Weiter entlang des Weges geht man nach wenigen Metern Fußmarsch zur Linken an einer Moschee vorbei und trifft zur Rechten auf die römisch-katholische „Kapelle der Verurteilung“ bzw. „Verurteilungskapelle“ (1903 auf den Ruinen einer byzantinischen Kirche errichtet). In der Krypta unterhalb der Kapelle wurde eine originale Straßenpflasterung aus der römischen Antike gefunden. Sie könnten aus der Zeit Jesu stammen. 

Dann durchschreitet man den berühmten „Ecco-Homo-Bogen“, der die Via Dolorosa überspannt. Es handelt sich um das architektonische Überbleibsel eines antiken Tores aus der Regierungszeit des Herodes Agrippa (Regierungszeit 37-44 n. Chr.), das bei der Umgestaltung des Ortes durch den Kaiser Hadrian um 135 v. Chr. stehengelassen und in die neue Architektur integriert wurde. Der Durchgang durch dieses Tor hatte eine Breite von rund 5 Metern und eine Höhe von etwa 8 Metern. Der Name „Ecce Homo“ nimmt Bezug auf eine Aussage des Statthalters Pontius Pilatus, der nach der Überlieferung des Johannesevangeliums über Jesus ausgerufen haben soll: „Sehet, welch ein Mensch!“ (lateinisch: „Ecce Homo“). 

Die dritte Station: Jesus stürzt zu Boden

Die dritte Station nimmt Bezug auf eine Anekdote, nach welcher Jesus Christus hier bei seinem Kreuzgang zum ersten Mal niedergestürzt worden sei. Die dritte Station folgt auf eine Linkskurve der Via Dolorosa in Richtung Süden. Nahe dieser Stelle steht die sogenannte Kirche der Schwarzen Maria.

Die vierte Station: Jesus trifft auf seine Mutter Maria

Nur wenige Meter weiter des Weges soll Jesus seiner Mutter Maria begegnet sein. An diese Begebenheit erinnert eine armenisch-katholische Kapelle, die in der Nähe errichtet wurde. Diese Kapelle wird „Kirche der Schmerzen Mariä“ genannt. Sie stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Ein heiliges Relikt der Kirche sind Fußabdrücke in der Krypta, die Maria zugeschrieben werden. Das Bodenmosaik der Krypta stammt aus einer älteren Vorgängerkirche aus byzantinischer Zeit.

Die fünfte Station: Simon von Kyrene springt Jesus bei, um ihn beim Tragen des Kreuzes zu helfen

Nach wenigen Metern Fußmarsch biegt die Via Dolorosa wieder nach rechts ab, und zwar in südwestliche Richtung. Hier soll der Überlieferung nach Simon von Kyrene Jesus beigesprungen sein, um ihm zu helfen, das Kreuz zu tragen.

Die sechste Station: Die Heilige Veronika reicht Jesus ein Tuch, auf dem schließlich das Antlitz Jesu hinterlassen wurde

Weiter westwärts gelangt man nach einigen Gehminuten zur Veronikakirche. Sie soll an jene Frau erinnern, die Jesus auf dessen Kreuzweg das Gesicht abgewischt und getrocknet haben soll. Der Schweiß Jesu soll schließlich das Abbild seines Antlitzes auf dem Tuche hinterlassen haben. An diese Begebenheit erinnert ein Gedenkstein, der in die Wand eingemauert ist. Seine Inschrift lautet: „Pia Veronica faciem Christi linteo deterei“. 

Die siebente Station: Jesus stürzt ein zweites Mal zu Boden

Diese Station, an der Wegkreuzung der Via Dolorosa und dem arabischen Suq (Souk) Khan ez-Zeit gelegen, erinnert an den zweiten Niedersturz Jesu auf seinem Weg nach Golgatha. Hier befindet sich eine Kapelle der Franziskaner. In der Kapelle ist der Ort des Sturzes durch eine rote Säule markiert. 

Die achte Station: Jesus trifft auf weinende Frauen, zu denen er tröstende Worte spricht

Von Station zu Station nähern sich die Pilger immer mehr der Grabeskirche und der Stätte Golgatha. Eine verwinkelte Gasse führt weiter durch die Altstadt, bis man schließlich auf die Rückwand der Grabeskirche trifft. Hier ist an der Wand ein kleines Kreuzzeichen angebracht. Dieses Kreuz soll an jene Begebenheit erinnert, bei welcher Jesus den weinenden und klagenden Frauen Jerusalems tröstliche Worte zugesprochen haben soll. Im Neuen Testament heißt es im Wortlaut der Lutherübersetzung (Lukas 23, 27-29): „Es folgte ihm aber nach ein großer Haufe Volks und Weiber, die beklagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben!“

Die neunte Station: Jesus stürzt ein drittes Mal zu Boden

Nun sind wir an der Grabeskirche angelangt. Die neue Station erinnert an das dritte Mal, da Jesus niedergestürzt sein soll. Er befand sich bereits ganz nah am Hügel Golgatha. Vom Hügel sieht man heute nichts mehr. Alles ist eingeebnet und mehrfach überbaut. Statt enger Gassen muss man sich für die Zeit Jesu eine freie Fläche mit einer hügelähnlichen Erhöhung vorstellen.

Die zehnte Station: Jesus werden die Kleider vom Leibe gerissen

Direkt am Eingang zur Grabeskirche befindet sich die Station, an welcher Jesus die Kleider vom Leibe gerissen wurden. Die Stätte an diesem Ort wird dementsprechend Kapelle der Kleiderverteilung genannt.

Dann folgen die Orte der Kreuzigung, die alle im Bereich der Grabeskirche liegen. 

Die elfte Station: Jesus Christus wird ans Kreuz genagelt

An dieser Stelle, die nicht genau markiert ist, soll Jesus ans Kreuz genagelt worden sein. Hierauf nimmt eine römisch-katholische Kapelle mit einem Kreuznagelungsaltar in der Grabeskirche Bezug. 

Die zwölfte Station: Das Kreuz Jesu wird aufgerichtet

Noch immer befinden wir uns in der Grabeskirche. Das Kreuz Jesu soll der Überlieferung nach hier auf einem Felsen des Hügels Golgatha aufgerichtet worden sein. Eine Kapelle in der Grabeskirche, die von der griechisch-orthodoxen Kirche betreut wird, widmet sich diesem Thema. 

Die dreizehnte Station: Die trauernde Mutter Maria bekommt ihren verstorbenen Sohn Jesus Christus in den Schoß gelegt

Hinter dem Eingang der Grabeskirche kommt man an jene Stelle, an welcher sich der sogenannte Salbungsstein befindet. Nachdem Jesus vom Kreuze genommen wurde, soll an dieser Stelle die trauernde Mutter Maria ihren verstorbenen Sohn Jesus in den Schoss gelegt bekommen haben. Dann soll er an diesem Orte einbalsamiert worden sein. Während die römisch-katholische Deutung des Ortes sich auf die Einbalsamierung konzentriert, richten die griechisch-orthodoxen Gläubigen ihre Aufmerksamkeit auf die Trauer der Maria, der Mutter Jesu.

Die vierzehnte Station: Die Gradlegung Jesu

Die vierzehnte Station behandelt das abschließende Thema der Via Dolorosa, nämlich die Grablegung Jesu. Am Vortage des jüdischen Passahfestes erschien Josef von Arimathaia vor Pontius Pilatus und bat diesem darum, den Leichnam Christi in ein Grab legen zu dürfen. 

In den Worten der Lutherübersetzung des Neuen Testaments heißt es dazu (Matthäus 27, 57-60):

„Am Abend aber kam ein reicher Mann von Arimathaia, der hieß Joseph, welcher auch ein Jünger Jesu war. Der ging zu Pilatus und bat ihm um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man solle ihm ihn geben. Und Joseph nahm den Leib und wickelte ihn in eine reine Leinwand und legte ihn in sein eigenes Grab, welches er hatte lassen in einen Fels hauen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon.“

Das Grab soll schließlich im Zentrum der Grabeskirche liegen, und zwar direkt unter der großen Kuppel. Hier wurde mitten in der Halle eine kleine Kapelle gebaut, die wie ein eigenständiges Gebäude im Gebäude errichtet ist. Sie hat einen kleinen Turm und eine zwiebelförmige Kuppel. Hier befindet sich auch die Kapelle der Kopten, der ägyptischen Christen.

Erinnerungsorte als Teil der religiösen Empathie

Dem Pilger und Wanderer auf der Via Dolorosa wird immer wieder die Frage aufkommen, ob diese oder jene Stelle wirklich mit der ihr zugesprochen Deutung in Zusammenhang steht. Viele Deutungen stammen aus der Kreuzfahrerzeit, als die Kreuzritter Jerusalem erobert hatten und in den Gassen der Stadt den Kreuzweg Jesu zu rekonstruieren versuchten. Oftmals jedoch haben unterschiedliche Orte verschiedene Deutungen erfahren, je nach christlicher Konfession und Tradition. Doch im Grunde es geht nicht um historische Korrektheit. Es geht nicht um die genaue Rekonstruktion eines Ereignisses. Vielmehr geht es darum, Erinnerungsorte des Gedenkens zu schaffen, um Traditionen und Rituale an Orte zu binden. Religiöse Pilger versuchen, das Leid Jesu zu teilen und in Empathie mit ihm die Stationen nachzuempfinden. Durch die Verbindung von Tradition und erlebter Pilgerschaft wird eine neue Bindung zum Glauben geknüpft.

Religion hat sehr viel mit Empfindungen zu tun. Die Wege durch die Altstadt in Jerusalem in die Grabeskirche lassen auch Agnostiker und Atheisten nicht kalt. 

Politisch brisante Strecke

Gerade in den Osterferien, insbesondere am Karfreitag, wenn die Pilger ihre Prozessionen vornehmen und viele Touristen das Ereignis verfolgen, kann es zu Vorfällen zwischen Palästinensern, Juden und Christen kommen. Es gab häufiger Überfälle islamistischer Fundamentalisten. Daher werden neuerdings die Pilgerprozession im Schutze eines großen Aufgebotes an israelischen Sicherheitskräften durchgeführt.