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Palästine in der Mittelbronzezeit

Eine Art Zwischenzeit markiert das Ende der Frühbronze- und den Beginn der Mittelbronzezeit. In den letzten zwei bis drei Jahrhunderten des 3. Jahrtausends v. Chr. ging die Bevölkerungszahl Palästinas merklich zurück. Viele Städte wurden verlassen, ein Teil der landwirtschaftlichen Siedlungen aufgegeben. Viele Felder wurden den pastoralen Nomaden als Weideland überlassen. Es gab aber auch viele Orte, an denen es weiterhin kleine, landwirtschaftliche Siedlungen und Gehöfte gab. Lediglich die großen Städte scheinen für einige Zeit gänzlich von der Bildfläche verschwunden zu sein. Bis heute sind die Gründe für diese Entwicklung ungeklärt. Hervorzuheben ist, dass diese Entwicklung parallel zur Ersten Zwischenzeit Ägyptens stattfand, einer Epoche des wirtschaftlichen Niedergangs und der Zersplitterung des Pharaonenreiches in lokale Provinzfürstentümer und eine Zeit großer Hungersnöte. In dieser Zeit war der Fernhandel zwischen Ägypten und Mesopotamien erschwert und somit die Lage der palästinischen Städte an den Handelsrouten weniger profitträchtig. Es gibt durchaus Vermutungen, die eine klimatische Veränderung als Ursache dieser Entwicklung ansehen. Auch eine Migrationsbewegung nomadischer Völker nach Palästina wird in Erwägung gezogen. Immerhin gibt es aus dieser Zeit schriftliche Quellen aus Mesopotamien, die von manchmal einsickernden, manchmal einfallenden Amoritern (Amurritern), westsemitischen Nomaden, sprechen. Viele Stämme ließen sich in Mesopotamien nieder und einige brachten es zur Gründung von Herrscherdynastien im Zweistromland. Es ist nicht auszuschließen, dass auch der Raum Palästina von solchen Stammes- und Völkerbewegungen erfasst wurde und es deshalb zu gesellschaftlichen Veränderungen kam. Dafür spricht auch, dass es in dieser Zeit zu merklichen Veränderungen in der Architektur und in den Herstellungstraditionen von Metall und Keramik kam.


Um 2000 v. Chr. begann allmählich eine verstärkte Wiederbesiedlung des Landes. Manche alte Städte waren wieder bewohnt, neue Städte wurden gegründet. Der erneute Urbanisierungsprozess begann zunächst in der westlichen Küstenebene und setzte sich dann nach Osten fort. Die Städte waren nun oftmals größer und bevölkerungsreicher als jene der Frühbronzezeit. Im Durchschnitt hatten sie etwa doppelt so viele Einwohner. In Hazor, der größten mittelbronzezeitlichen Stadt Palästinas, lebten auf ca. 80 Hektar rund 25.000 bis 30.000 Menschen. Viele Städte waren stark befestigt. Stadtmauer n, Wehrbauten und Toranlagen waren in vielen Städten zu monumentaler Größe herangewachsen. Mächtige Erdwälle wurden zum Schutz aufgeworfen. Mancherorts wurden auch große Palast- und Tempelanlagen ausgegraben. Einige Städte hatten sogar planvoll angelegte Straßennetze, öffentliche Plätze und Kanalisation. Neben Hazor wurden auch in Megiddo (Tell el-Mutesellim), Tel Kabri, Askalon, Akko und anderen Orten stark befestigte, städtische Siedlungen ausgegraben. Abgesehen von diesen befestigten Städten, gab es auch weiterhin viele unbefestigte Dörfer, Weiler und vereinzelte Gehöfte. Doch die großen, urbanen Zentren prägten und dominierten die politische Landschaft im Palästina der Mittelbronzezeit. Hierbei ist jedoch relativierend zu erwähnen, dass selbst die großen, palästinischen Städte an Einwohnerzahl und Bedeutung nicht an die bedeutenden Metropolen Syriens und Mesopotamiens heranreichen konnten. Hazor war eine Ausnahme.

Wirtschaftliche Kraft gewannen die großen Stadtzentren nicht nur als zentrale Redistributionszentren (Umverteilungszentren) der umliegenden landwirtschaftlichen Siedlungen, sondern auch durch ihre Funktion als Handelsstädte, Marktplätze und Zwischenstationen der Handelskarawanen, die von Kleinasien und Mesopotamien nach Ägypten zogen und umgekehrt. Als Warenumschlagplatz und Schutzherrin der durch ihr Hoheitsgebiet führenden Wege und Handelsrouten konnte so eine bedeutende Stadt ihren Anteil an den Handelsgütern durch Abgabenformen sichern und somit Profit durch die geographische Lage erwirtschaften. Zum Ende der Mittelbronzezeit waren viele Städte Palästinas sehr wohlhabend und konnten sich allerlei Importgüter aus Ägypten und anderen Regionen des Nahen Ostens leisten.

Ein Charakteristikum der Mittelbronzezeit im Raum Palästina ist die Präsenz Ägyptens. Auch wenn die Pharaonen (noch) nicht militärisch in die Geschicke der Levante eingriffen, wie es in der Spätbronzezeit der Fall werden sollte, gab es doch einen regen Handelsaustausch, der sich durch Siegelfunde belegen lässt. Andererseits gibt es aus dieser Epoche vermehrt Hinweise für die Anwesenheit von Westsemiten in Ägypten. Da Ägypten (noch) keine militärische Hegemonie über Palästina beanspruchen konnte, es aber gelegentlich zu der einen oder anderen politischen Verwerfung mit vereinzelten, palästinischen Stadtstaaten kam, bedienten sich die Pharaonen magischer Praktiken, um ihren Unmut auszudrücken. Nach dem Prinzip des Voodoo-Kultes fertigte man Keramiktöpfe oder Tonfiguren an, die mit Listen feindlicher Stämme, Völker und Städte sowie mit ihren Verfluchungen beschriftet waren. Diese Figuren und Töpfe zerschlug man rituell, um den Feind zu schädigen. Die Namenslisten solcher Ächtungstexte geben einen interessanten Aufschluss darüber, welche Städtenamen es zu jener Zeit in Palästina gab und zu welchen Städten die Ägypter Beziehungen pflegten. Darunter sind auch Namen wie Jerusalem , Askalon, Hazor oder Akko.

In älterer Literatur werden die Bevölkerung und die Kultur Palästinas in der Früh- und Mittelbronzezeit als Kanaanäisch bezeichnet. Doch diese Bezeichnung trägt eher einer anachronistischen, biblischen Tradition Rechnung, als dass sie die ethnisch-kulturelle Wirklichkeit des 3. und 2. Jahrtausends wiedergibt. Tatsächlich werden die Bewohner Palästinas in dieser Zeit entweder Amurriter (Amoriter) gewesen sein oder zu einer Gruppe gehört haben, die den Amurritern ethnisch nahe stand. Der Begriff Kanaan war ursprünglich ein geographischer und bezeichnete ein Gebiet der Levante, das weit mehr umfasste, als das, was nach biblischer Überlieferung Kanaan hieß.

Dank der ägyptischen und syrischen Quellen erfahren wir auch etwas über die Götter der damaligen, westsemitischen Welt. Erwähnt sind unter anderem die Gottheiten Edom, El, Baal, Dagan, Haddu, Yammu, Reschep, Ammu, Anat, Schamasch. Manche Götternamen tauchen auch in mesopotamischen Texten auf sowie als Bestandteil westsemitscher Namen. Die palästinischen Heiligtümer der Mittelbronzezeit sind in ihrer architektonischen Gestaltung sehr unterschiedlich und spiegeln verschiedene kulturelle Einflüsse wieder. Es gab sowohl typische Breitraumtempel als auch Langhaustempel, alle allerdings bei weitem noch nicht so monumental und komplex wie die Sakralarchitektur in Ägypten oder Mesopotamien. Zum Ende der Mittelbronzezeit entwickelte sich übrigens mit dem Proto-„Kanaanäischen“ auch die erste autochthone Schrift Palästinas, von der es allerdings nur wenige Funde gibt.

In der letzten Phase der Mittelbronzezeit und in der Übergangsphase zur Spätbronzezeit, also im Zeitraum von etwa 1650 bis 1550, verbreitete sich die Kultur der westsemitischen Stadtstaaten bis in den Norden Ägyptens. Das Land am Nil war gerade in eine Phase der Dezentralisierung und inneren Zersplitterung geraten, als die nach und nach ins Land eingesickerten vorderasiatischen Bevölkerungsgruppen zunehmend die wirtschaftlichen und politischen Geschäfte Ägyptens, zumindest Nordägyptens, zu dominieren begannen. Die Handels- und Hafenstadt Auaris (Avaris, Tell ed-Daba’a) im Nildelta war die zentrale Metropole dieser westsemitischen Fremdherrschaft über Ägypten. Es gab rege Handelskontakte zu den Küstenstädten der Levante und zur Ägäis, wo die Minoer eine blühende prä-griechische Kultur der Bronzezeit entwickelt hatten. Während dieser Zeit gab es vergleichbare kulturelle und städtebauliche Entwicklungen an vielen Orten Nordägyptens, Palästinas und Syriens. Man spricht von der Kultur der Hyksos, eine von Manetho eingeführte griechische Bezeichnung, die auf das ägyptische Wort „Heka-Chasut“ zurückgeht, das mit „Herrscher der Fremdländer“ übersetzt werden kann. Die Ägypter sahen diese Hyksos als Eindringlinge an. Zumindest haben sie in ihren Schriften die semitischen Bevölkerungsgruppen im Lande im Nachhinein propagandistisch als Fremdherrschaft dargestellt, derer man sich früher oder später entledigen wollte.

Und so ging das Ende der mittelbronzezeitlichen Kulturen in Palästina einher mit der Vertreibung der Hyksos aus Ägypten und der anschließenden ägyptischen Eroberungsfeldzüge durch die ganze Levante bis zum Euphrat. Die folgende Epoche der Spätbronzezeit stand demzufolge unter dem Stern eines wieder erstarkten Pharaonenreiches.

Auf der Suche nach Spuren der biblischen Patriarchen (Abraham, Isaak, Jakob) in Palästina und der Anwesenheit Josephs in Ägypten sind Gelehrte aller Fachrichtungen eventuellen archäologischen Hinweisen nachgegangen, die Aufschluss darüber geben könnten. Doch ist man nie über den Rahmen der Spekulationen hinausgekommen. Zwar ist klar, dass mit den Hyksos Vorderasiaten nach Ägypten kamen, und ebenfalls ist es unzweifelhaft, wie Bilder aus den ägyptischen Gräbern von Beni Hassan belegen, dass Karawanen von Handel treibenden Westsemiten nach Ägypten zogen. Doch gibt es keine klaren Indizien für die Historizität der Patriarchengeschichten.

 

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Aharoni, Yohanan und Michael Avi-Yonah, The Macmillan Bible Atlas, Jerusalem und New York 1993 (3. Aufl.).
  • Aharoni, Yohanan und Michael Avi-Yonah, Syria-Palestine II: From the Middle Bronze Age to the End of the Classical World (2200 B.C. – 324 A.D.), Genf 1979.
  • Ber-Tor, Amnon, The Archaeology of Ancient Israel, New Haven 1992.
  • Helck, Wolfgang, Die Beziehungen Ägyptens zu Vorderasien im 2. und 3. Jahrtausend v. Chr. (Ägyptologische Abhandlungen, Band 5), Wiesbaden 1971 (2. Auflage).
  • Kenyon, K.M., Archäologie im Heiligen Land, Neukirchen-Vluyn 1967.
  • Lemche, Niels Peter, Die Vorgeschichte Israels: Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v. Chr., (Biblische Enzyklopädie, Band 1), Stuttgart, Berlin, Köln 1996.
  • Mazar, Amihai, Archaeology of the Land of the Bible, 10.000 – 586 BCE, New York 1990.
  • Yigael, Yadin, Hazor – Die Wiederentdeckung der Zitadelle König Salomos, Hamburg 1976.
  • Weippert, Helga, Palästina in vorhellenistischer Zeit, (Handbuch der Archäologie, Vorderasien, Band II/I), München 1988.

 

Autor dieses Artikels:

M.Hüneburg