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Frühe Eisenzeit und das erste Reich Israel

Am Ende der Spätbronzezeit und in der Übergangsphase von der Spätbronzezeit zur frühen Eisenzeit kam eine neue Bedrohung auf die nahöstliche Staatenwelt zu, welche die Geschicke der gesamten Region nachhaltig verändern sollte und Großstaaten zu Fall brachte. Aus dem Mittelmeerraum setzte eine Serie von Völkerwanderungen und Stammesbewegungen ein. Indogermanische Kriegerstämme segelten mit ihren Flotten entlang der levantinischen Küste und plünderten die Hafenstädte. Weil sie übers Meer kamen, werden sie als Seevölker bezeichnet. Zusammen mit Berber-Stämmen aus Libyen setzten sie auch Ägypten zu, und zwar sowohl zu Lande als auch zu Wasser. Inschriften und Reliefdarstellungen im ägyptischen Tempel von Medinet Habu aus der Regierungszeit Ramses III. (20. Dynastie, 1187 – 1156 v. Chr.) schildern die Gefechte mit diesen Seevölkern. Die wiederholten Angriffe führten das Ende der ägyptischen Expansionspolitik herbei, denn das Land am Nil war nun auf einige Zeit wieder damit beschäftigt, die inneren Verhältnisse politisch zu ordnen. Somit war Palästina sich zunehmend selbst überlassen. Dort ließ sich eine bedeutende Gruppe der Seevölker, nämlich die Philister, an der Küste nieder. Der Begriff Palästina geht übrigens auf die Volksbezeichnung Philister zurück.


Parallel (oder vielleicht sogar hierdurch bedingt) setzte sich der Niedergang der spätbronzezeitlichen Stadtkultur fort, ausgenommen im Gebiet der Philister, wo sich in Gaza, Askalon, Asdod, Jaffa und weiteren Orten die Bevölkerung weiterhin in Form von Städten organisierte. Außerdem kam es in den Bergen des Binnenlandes zu einem Siedlungsaufschwung in Form von neu gegründeten Kleindörfern und Gehöften. Kleine soziale Einheiten von Familien, Sippen und Clans lebten in Dörfern oder zogen als Nomaden durch die Gegend. Somit stieg weiterhin der schon in der Spätbronzezeit zu verzeichnende Anteil von Bevölkerungsgruppen, die außerhalb der stadtstaatlichen Bindungen nach ihren eigenen Regeln lebten. Diese bäuerlichen Siedlungen waren mehr oder weniger autark und auf Subsistenzwirtschaft ausgerichtet: Man produzierte seinen Nahrungsbedarf selber. Da die Großmächte durch die großen Veränderungen in der politischen Landschaft mit sich selbst beschäftigt waren, ließ der Handel nach. Es gab kaum Bedarf nach großen Marktplätzen oder Handelsmetropolen – ein weiterer Grund für den schleichenden Niedergang der Stadtkultur. Einige Städte konnten sich noch länger behaupten, andere nicht. Zu den längsten Bastionen der Stadtkultur gehörte Beth-Shean, eine Festungsstadt, die sehr ägyptisch geprägt war. Sie konnte sich bis in 10. Jahrhundert v. Chr. halten und war wohl selbst in dieser Zeit noch ägyptisch beeinflusst. Archäologen vermuteten die Anwesenheit von Philistern als Grund, denn sie waren einerseits in Städten organisiert, andererseits hatten sie ägyptische Elemente in ihre materielle Kultur übernommen.

Auch wenn es zu Beginn des 1. Jahrtausends wieder langsam zu einer Belebung der Städte kam, so waren diese zunächst kleiner als jene der vorangehenden Bronzezeit. Das Prinzip des Stadtstaates schien in der politischen Landschaft Palästinas in den Hintergrund getreten zu sein. Stattdessen formierten sich die wichtigsten übergeordneten Stammesverbände zu Territorialstaaten. Im syrisch-palästinischen Raum entstanden quasinationale Einheiten von Stämmen, die weite Gebiete für sich beanspruchten: Ammon, Aram, Moab, Edom und auch Israel. Parallel dazu konsolidierten sich an der südpalästinischen Küste die Städte der Philister sowie an der Küste Nordpalästinas und des Libanon die Hafenmetropolen der Phönizier.
 
Nach biblischer Überlieferung fällt in diese Epoche die kriegerische Landnahme Israels, wie sie etwa im Buch Josua erzählt wird. Doch weder der Zeitpunkt noch die Art und Weise der Landnahme konnte archäologisch oder historisch verifiziert werden. Zwar sind sich nahezu alle modernen Historiker und Archäologen einig, dass die biblische Überlieferung keinesfalls als wörtlich zu nehmender historischer Bericht zu werten sei, doch ist man sich höchst uneins über die Vorgänge während dieser sogenannten Landnahme. Einige Archäologen sind zu der Ansicht gelangt, dass es sich schlicht um die verstärkte Seeshaftwerdung nomadisierender Gruppen innerhalb der kanaanitischen Bevölkerung gehandelt habe, die vielleicht an manchen Stellen zu Konflikten zwischen Nomaden und Sesshaften geführt haben mag, aber meistens friedlich verlief. Die berühmte Eroberung Jericho s durch Josua mit Posaunen, die die Mauern der Stadt zum Einsturz brachten, ist ins Reich der Fabel zu weisen, da zu jener Zeit, wie bereits die Archäologin Kathleen Kenyon mit ihren Ausgrabungen nachwies, die Stadt Jericho kaum besiedelt und nicht befestigt war. Vielmehr wurde die Stadt im Zuge der Hyksos-Vertreibung im 16. Jahrhundert v. Chr. durch die Ägypter zerstört. Fasst man die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen und Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte zusammen, so kommt man zum Schluss, dass die angeblich kriegerische Landnahme durch die Israeliten nichts anderes war, als die Besiedlung der Täler und Ebenen durch die Halbnomanden und Bauern der Bergregionen Zentralpalästinas, die im Zuge des Niedergangs der einst bedeutenden Bronzezeitstädte ein neu entstandenes Vakuum füllten. Die frühen Israeliten waren also kein neu eingewandertes Volk, sondern die oben bereits erwähnten kanaanitischen Bewohner der Bergdörfer, die sich nun auch in den Tälern und Ebenen ausbreiteten, um dort neue landwirtschaftliche Siedlungen zu gründen.

Ins 10. Jahrhundert v. Chr. fällt schließlich die staatliche Formation eines Königsreich Israel unter den Königen Saul, David und Salomo. Nach biblischer Überlieferung verlief dieser Prozess folgendermaßen: Saul war zunächst Heerführer im Krieg gegen den Stamm der Ammoniter und wurde anschließend König. Weniger erfolgreich war er im Kampf gegen die Philister und verlor eine entscheidende Schlacht in der Jesreel-Ebene, wo er auch ums Leben kam. Nach kurzem Interregnum seines Sohnes Esbaal fiel das Königtum an David. Dieser setzte den Krieg gegen die Philister fort und eroberte Jerusalem . Außerdem bekämpfte er die Stämme Moabs, Ammons und Edoms. Jerusalem wurde in seiner Regierungszeit zum Königssitz und zum religiösen Zentrum seines Reiches. Von hier aus setzte er seine Eroberungspolitik fort und bezwang die restlichen Städte Kanaans. Am Ende seines Lebens hatte er ein levantinisches Großreich geschaffen, das von Syrien im Norden bis ans Rote Meer im Süden reichte. Sein Nachfolger Salomo zeichnete sich weniger durch kriegerische Aktivität als vielmehr durch diplomatisches Geschick aus, was ihn nicht davon abhielt, eine aufwändige Streitwagentruppe zu unterhalten. Er heiratete die Tochter eines ägyptischen Pharaos und pflegte Beziehungen zum phönizischen König Hiram von Tyros. Durch den Karawanenhandel mit Arabien, dessen Routen durch Palästina führten, kam Wohlstand und Reichtum ins Land, das seinen Ausdruck in monumentalen Bauten fand. So ließ Salomo in Jerusalem einen prächtigen Jahwe-Tempel bauen. Für sich selbst ließ er aufwändige Palastanlagen errichten. Um die Macht seines Königtums im Innern zu stärken, organisierte er eine zentralistische Verwaltung mit Steuer- und Frondienst. Das Kernreich wurde in 12 Provinzen eingeteilt. Jede dieser Provinzen musste einen Monat pro Jahr den königlichen Palastunterhalt finanzieren. In der Bibel wird er deshalb nicht uneingeschränkt positiv beurteilt, sondern auch wegen seiner Maßlosigkeit und Prunksucht kritisiert. Andererseits soll er weise und gerecht geherrscht haben und „salomonische“ Urteile gefällt haben. Soweit die Version der Bibel.

Doch für eine objektive Darstellung der Geschichte jener Zeit stellt sich wiederum das Problem der Widersprüche zwischen biblischen Quellen und archäologischen Befunden. Für ein israelitisches Großreich im 10. Jahrhundert v. Chr., das vom Roten Meer bis nach Syrien gereicht haben soll, gibt es weder außerbiblische Belege noch archäologische Indizien. Es gibt keine Hinweise auf große Eroberungen, was verwunderlich ist, denn ein israelitisches Staatsgebilde solchen Ausmaßes müsste archäologische Spuren hinterlassen haben und in den Texten der andern Völker des Nahen Ostens in irgendeiner Form erwähnt sein. Stattdessen legen die archäologischen Ausgrabungen in Palästina nahe, dass zu dieser Zeit in den meisten Regionen und insbesondere in den Tälern die kanaanitsche Kultur ungebrochen fortbestand. Auch von den angeblich großen Prachtbauten des Königs Salomo in Jerusalem (Tempel und Palast) sowie in Megiddo , Hazor und Gezer konnte nichts gefunden werden. Zwar gibt es durchaus Architektur aus dieser Zeit. Aber alles in weitaus bescheideneren Maßen, keinesfalls vergleichbar mit den Bauten der Bronzezeit. Im Norden Israels setzte sich ebenfalls die materielle Kultur der Kanaanäer fort. Auch was die angeblich weiten Handelsbeziehungen des Königs Salomo angeht, so beruht dieses Geschichtsbild auf die Überlieferungen der Bibel. Außerbiblische Quellen bleiben stumm. Von einem Handelsimperium kann wohl also kaum die Rede sein, denn es sind ja gerade die Wirtschaftstexte, die normalerweise den Großteil aller Textfunde im Nahen Osten ausmachen. Ein großes israelitisches Handelsimperium hätte seinen Niederschlag in irgendwelchen Handelsbelegen der Nachbarvölker finden müssen. Viele Handelsverbindungen, Karawanenrouten und Gütertransporte, die in der Bibel dem König Salomo und seiner Zeit zugeschrieben werden, entwickelten sich erst später und waren typisch für die Zeit ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. Die archäologischen Befunde und die Keramikfunde in Palästina deuten darauf hin, dass erst ab dem 8. Jahrhundert ein reger Handel einsetzte, der mit den biblischen Beschreibungen übereinstimmt. Auch die phönizisch-iraelitische Schifffahrt von Eilat am Roten Meer zu Handelsstationen an der Küste Ostafrikas kann nach archäologischen Quellen nicht vor dem 8. Jahrhundert stattgefunden haben.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für die Phase der Frühen Eisenzeit vom 12. bis zum 10. Jahrhundert v. Chr. der Grad der Übereinstimmung von biblischen Überlieferungen und historisch-archäologischen Fakten noch ziemlich gering ist. Die biblische Entstehungsgeschichte Israels, bestehend aus Exodus, Landnahme und dem Reich Davids und Salomos, ist vielmehr als Gründungsmythos zu verstehen, geschaffen in späteren Jahrhunderten, wobei religiöse Botschaften, literarische Erzählungen und vage Erinnerungen an vergangene Ereignisse verwoben wurden, um eine kulturelle, religiöse und nationale Volksidentität zu schaffen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es David und Salomo nicht gegeben hätte, sondern nur, dass ihre Bedeutung in späteren Schriften glorifiziert wurde.

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Aharoni, Yohanan und Michael Avi-Yonah, The Macmillan Bible Atlas, Jerusalem und New York 1993 (3. Aufl.).
  • Aharoni, Yohanan und Michael Avi-Yonah, Syria-Palestine II: From the Middle Bronze Age to the End of the Classical World (2200 B.C. – 324 A.D.), Genf 1979.
  • Ber-Tor, Amnon, The Archaeology of Ancient Israel, New Haven 1992.
  • Finkelstein, Israel und Neil Asher Silberman, Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel, München 2003.
  • Finkelstein, Israel und Neil Asher Silberman, David und Salomo: Archäologen entschlüsseln einen Mythos, München 2006.
  • Magall, Miriam, Archäologie und Bibel: Wissenschaftliche Wege zur Welt des Alten Testaments, Köln 1986.
  • Kenyon, K.M., Archäologie im Heiligen Land, Neukirchen-Vluyn 1967.
  • Lemche, Niels Peter, Die Vorgeschichte Israels: Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v. Chr., (Biblische Enzyklopädie, Band 1), Stuttgart, Berlin, Köln 1996.
  • Mazar, Amihai, Archaeology of the Land of the Bible, 10.000 – 586 BCE, New York 1990.
  • Schmoldt, Hans, Biblische Geschichte , Stuttgart 2000.
  • Yigael, Yadin, Hazor – Die Wiederentdeckung der Zitadelle König Salomos, Hamburg 1976.
  • Weippert, Helga, Palästina in vorhellenistischer Zeit, (Handbuch der Archäologie, Vorderasien, Band II/I), München 1988.

 

Autor dieses Artikels:

M.Hüneburg