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Kulturen der Frühbronzezeit

Soweit und beeindruckend sich archäologisch die Siedlungsgeschichte der Region Palästina bis ins Chalkolithikum (Kupfersteinzeit) und Neolithikum (Jungsteinzeit) zurückverfolgen lässt, so spät setzt dort die historische Zeit der schriftlichen Quellen ein. Aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. gibt es keine Textfunde, keine schriftlichen Spuren und Botschaften aus Palästina, die in irgendeiner Form aus erster Hand die Geschichte , Gesellschaft und Kultur des Landes und der dortigen Menschen erhellen könnten. Biblische Überlieferungen reichen bei weiten nicht bis in diese Zeit zurück. Die Geschichte bleibt hier stumm. Dies ist insofern verwunderlich, als zeitgleich in Syrien, Mesopotamien und in Ägypten die ersten Hochkulturen blühten, für die es reichlich Textmaterial in Form von Keilschrifttafeln und Hieroglyphentexten gibt. Und in diesen Texten wird das Land zwischen Jordan und Mittelmeer nur selten erwähnt. So berichtet etwa die ägyptische Grabinschrift des Uni von Militärexpeditionen des Pharao Pepi I. (24. Jahrhundert v. Chr.) nach Palästina, um die dortigen „Sandbewohner“ militärisch zu schlagen. Aus derselben Zeit hat man ein umfangreiches Archiv im syrischen Ebla gefunden. In den dort ausgegrabenen Dokumenten, die in sumerischer und akkadisch-eblaitischer Keilschrift verfasst sind, lässt sich zwar allerlei über die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Syrien und Mesopotamien erfahren, Palästina wird jedoch kaum erwähnt. Auch aus Mesopotamien gibt es keine Textzeugen, die Aufschluss über die Menschen der südwestlichen Levante geben. Palästina war zu dieser Zeit gewiss nicht das kulturelle Zentrum des Nahen Ostens.


Aber es war nicht von der Entwicklung der umliegenden Länder abgeschnitten. Dies belegen die archäologischen Ausgrabungen in Israel. Tatsächlich war die Region Palästina dicht bevölkert und besiedelt. Es gab dort Stadtstaaten, d.h. Städte mit angeschlossenen landwirtschaftlichen Gebieten, bei denen die Landwirtschaft die wichtigste, wirtschaftliche Grundlage war. Man baute Getreide an und züchtete Ziegen, Schafe und Rinder. Und die Menschen in diesen Städten betrieben Handel. Dies belegen ausländische Erzeugnisse und Tonsiegel mit ägyptischen Abdrücken und Hieroglyphen, die zum Teil bis in die 1. Dynastie Ägyptens (ca. 3000 v. Chr.) zurückreichen. Es bestand also durchaus Kontakt zu den großen Kulturen der Nachbarländer, und zwar von Beginn an.

Archäologische Fundstellen gibt es viele. Doch nicht bei allen Siedlungen kann man von Städten sprechen, wobei die moderne Definition von Stadt sowieso nicht auf die altertümlichen Verhältnisse übertragbar ist. Eine Stadt im alten Palästina hatte in der Regel mehr als 1.000 aber weniger als 10.000 Einwohner. Damit war sie bedeutend kleiner als viele große Metropolen, die sich zeitgleich im Norden Syriens oder in Mesopotamien entwickelt hatten. Die Einwohnerzahlen der palästinischen Siedlungen veränderten sich im Lauf der Jahrhunderte. Charakteristische Kennzeichen sind zentrale Heiligtümer, Palastanlagen und Stadtmauer n. Wichtige Fundorte aus der Frühbronzezeit sind unter anderem, um nur einige zu nennen, Tell el-Mutesellim ( Megiddo ), Tell el-Qadi (Dan), et-Tell (Ai), Tell as-Sultan ( Jericho ), Beth Shean, Hazor, Beth Yerah, Gezer und Tell Arad sowie einige Fundstellen in Jerusalem . Große Palastanlagen hat man insbesondere in Megiddo (Tell el-Mutesellim) gefunden. Und einen erwähnenswerten Breitraumtempel mit Säulen grub man in Hirbet Yarmuk aus.

Ein besonderer Fundort für die Epoche der Frühen Bronzezeit ist die Ausgrabungsstätte in Tell Arad am südöstlichen Rand der Hebronberge bzw. am nördlichen Rand der trockenen Negev-Wüste und rund 10 Kilometer von der modernen, gleichnamigen, israelischen Siedlung Arad entfernt. Es handelt sich um einen großen Ruinenhügel, bei dem man insgesamt zwölf übereinander gelagerte Siedlungsschichten identifizieren konnte, die sich über zwei Bereiche erstrecken, einer Oberstadt und einer Unterstadt. Die älteste reicht bis ins Chalkolithilum (Kupfersteinzeit) zurück. Die Siedlungsschichten der Frühbronzezeit datieren in den Zeitraum von etwa 3100 bis 2350 v. Chr. Vier „Straten“ (archäologischer Begriff für „Schichten“) konnten für diesen Zeitraum identifiziert werden. Aus der ältesten Schicht stammt unter anderem eine Scherbe mit ägyptischen Hieroglyphen aus der Zeit um 3000 v. Chr. Etwa 9 bis 10 Hektar umfasste die Stadtfläche des frühbronzezeitlichen Arad. Rund 2000 bis 3000 Menschen mögen dort gelebt haben. Geschützt von einer massiven Stadtmauer mit halbrunden Wehrtürmen und Bastionen in Abständen von jeweils 25 bis 40 Metern wohnten die meisten Einwohner von Arad in einfachen Breitraumhäusern mit angeschlossenen, kleineren Wirtschaftsräumen und Nebengebäuden für die Vorratshaltung oder als Küche. Viele Häuser hatten ein ins Erdreich vertieftes Fußbodenniveau, das etwa zwei bis drei Treppenstufen tiefer lag als jenes vor dem Haus. Manche Gebäude umschlossen mit ihren Nebenräumen und Wohneinheiten kleine Innenhöfe. All diese Merkmale zeigen, wie sehr auch die Bewohner städtischer Siedlungen einer doch bäuerlichen Lebensweise nachgingen, die mit der eines Landgehöfts vergleichbar war. Die Landschaft um Tell Arad war im 3. Jahrtausend v. Chr. noch wesentlich fruchtbarer als in den darauf folgenden Perioden. Klima veränderungen und die zunehmende Desertifikation Südpalästinas erschwerten eine ertragreiche Landwirtschaft und verhinderten so die Ansiedlung einer größeren Stadtbevölkerung. Deshalb war die Stadt in späteren Epochen entweder verlassen oder nur sporadisch besiedelt und lediglich im 1. Jahrtausend eine kleine Festungsstadt. (Die derzeitige Oasenwirtschaft des israelischen Arad ist ein Ergebnis moderner Bewässerungsmethoden und staatlicher Infrastrukturmaßnahmen.) Einer der Gründe, weshalb in der Frühbronzezeit die Landwirtschaft in Arad blühte, war die effiziente Versorgung mit Wasser. Direkt an der Stadt liegen die Ausläufer eines Wadis, das sich in Zeiten des Winterregens mit Wasser füllte. Mit Beckenanlagen, die innerhalb der Stadtmauer lagen, konnte viel von diesem Wasser abgezweigt und gespeichert und somit auch über den Sommer die Bevölkerung versorgt werden. Bestattet wurden die Menschen im frühbronzezeitlichen Arad in Einzelgräbern innerhalb der Stadt.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass viele große Städte der palästinischen Frühbronzezeit auch Redistributionszentren bzw. Umverteilungszentren einer zentral verwalteten Agrarwirtschaft waren. Nach dem Prinzip der Vorratswirtschaft in öffentlicher Hand konnte so die Verteilung der Ernteerträge kontrolliert werden. Außerdem wurde durch die Einlagerung größerer Getreidemengen ein Vorrat für schlechtere Zeiten angelegt worden. In Hirbet el-Kerak hat man beispielsweise große, runde Getreidesilos ausgegraben, die zusammen etwa 800 Tonnen Getreide fassen konnten.

Da keine Textquellen zur Verwaltung und Organisation vorliegen, lassen sich auch keine klaren Aussagen über das Verhältnis von Stadt- und Landbevölkerung treffen. Auch die Frage, ob die Bewohner innerhalb der Stadtmauern an landwirtschaftlichen Aktivitäten beteiligt waren oder nur damit Handel trieben, ist nicht geklärt. Klar ist nur, dass es neben der Landwirtschaft auch einen regen Nah- und Fernhandel gab, der insbesondere in den Stadtzentren abgewickelt wurde. Dies belegen die Güter und Produkte, die eindeutig aus anderen Ländern importiert wurden, wie beispielsweise ägyptische Tonkrüge, die man in Tell Arad gefunden hat. Im Gegensatz zu den Städten späterer Epochen fehlen für die Frühbronzezeit Hinweise auf eine arbeitsteilige Gesellschaftsstruktur. Vielmehr hinterlassen die archäologischen Befunde den Eindruck großer, befestigter Dörfer, in denen landwirtschaftlich arbeitende Menschen eine Schutz- und Trutzgemeinschaft bildeten. Lediglich die Keramikherstellung schien Spezialisten vorbehalten gewesen zu sein, vielleicht auch der Handel. Es ist aber auch möglich, dass die Bewohner schlicht Gelegenheitshandel mit vorbeiziehenden Karawanen nutzen, um an exotische Produkte zu gelangen, die nicht vor Ort hergestellt oder produziert werden konnten.

Inwieweit die großen Städte Palästinas untereinander in militärische Konflikte gerieten und sich gegenseitig befehdeten, kann mangels schriftlicher Quellen nicht belegt werden. Die zahlreichen Stadtmauern und Befestigungen legen jedoch nahe, dass es ein gewisses Schutzbedürfnis der größeren Siedlungen gab. Dies kann auch Schutz gegen fremde Nomadenstämme oder räuberische Banden gewesen sein. Jedenfalls ist es auch vorgekommen, dass frühbronzezeitliche Siedlungen zerstört wurden und wieder aufgebaut werden mussten. Allerdings lässt sich nicht immer nachweisen, inwiefern kriegerische Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen wie Erdbeben (Israel liegt in einer Erdbebenzone) für die Zerstörungshorizonte in der Tell-Stratigaphie (d.h. Schichtenabfolge der Siedlungshügel) verantwortlich sind.

Im 22. und 23. Jahrhundert wurden viele Städte und Siedlungen verlassen. Die Bevölkerungszahl Palästinas ging zurück und ganze Landstriche wurden den pastoralen Nomaden überlassen. Die Gründe für diesen Wandel sind bis heute noch nicht geklärt. Klimatische Veränderungen mögen ihren Beitrag geleistet haben.

Übrigens ist der aus der europäischen Archäologie übernommene Begriff der Früh-„Bronzezeit“ für das dritte Jahrtausend in Palästina irreführend, weil dort die Bronzeherstellung zunächst noch nicht bekannt war, sondern erst um 2000 v. Chr., also zu Beginn der Mittelbronzezeit, eingeführt wurde, indem man von anderen Kulturen lernte, wie man Kupfer mit Zinn legiert, um die härtere Bronze zu erhalten. Allerdings konnte man schon lange, und zwar bereits seit dem Chalkolithikum, verschiedene Metallgegenstände aus Kupfer herstellen.

 

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Kempinski, Aharon, The Rise of Urban Culture: The Urbanization of Palestine in the Early Bronze Age 3000 – 2150 B.C., Jerusalem 1978.
  • Kenyon, K.M., Archäologie im Heiligen Land, Neukirchen-Vluyn 1967.
  • Mazar, Amihai, Archaeology of the Land of the Bible, 10.000 – 586 BCE, New York 1990.
  • Weippert, Helga, Palästina in vorhellenistischer Zeit, (Handbuch der Archäologie, Vorderasien, Band II/I), München 1988.

 

Autor dieses Artikels:

M.Hüneburg