Leichentuch Christi

Reliquie oder doch nur Ikone? Das Turiner Grabtuch (Leichentuch Christi)

Dass das italienische Turin und das „Heilige Land“ Israel insgesamt nur wenig miteinander gemein haben ist eigentlich jedem klar. Mit einer Ausnahme: dem sogenannten Turiner Grabtuch. Es zeigt das schemenhafte Abbild eines scheinbar gekreuzigten Mannes, ist Gegenstand der wohl größten und kontroversesten wissenschaftlich-theologischen Diskussion weltweit und zeigt, nach Meinung einer großen Gläubigerschaft, das letzte und wohl auch einzige echte Bildnis des Jesus vonNazareth. Sowohl Alter wie Herkunft des Grabtuches sind strittig, nicht aber seine Existenz. Kein Wunder also, dass in einer modernen und aufgeklärten und doch glaubensorientieren Gesellschaft wie der unseren ein Artefakt wie dieses selbst die Glaubensgemeinden unter sich zu spalten vermag, von der Wissenschaft ganz zu schweigen. Doch was steckt wirklich dahinter, hinter dem „Leichentuch Christi“?

Anerkannte Geschichte , Theologie und Wissenschaft

Im Grunde verdankt das Turiner Grabtuch seinen Namen lediglich und einzig seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort, einer Kapelle des Turiner Doms, wo es seit dem Jahre 1578 meist versiegelt verwahrt wird. Tatsächlich aber wurde es bereits im Jahre 1353, also mehr als 200 Jahre zuvor, urkundlich erwähnt, und zwar in Frankreich. Bereits damals - das Tuch war viel auf Reisen und wurde Gläubigen einmal jährlich ausgestellt - wurde die Authentizität des Tuches seitens der katholischen Kirche bestritten, sogar von Fälschung war die Rede. Dennoch durfte das Tuch ausgestellt werden, solange man es nicht als das „Grabtuch Christi“ bezeichnen würde. Dem Leinentuch wurde kirchlich somit der Status einer Reliquie ab- und der einer Ikone anerkannt; Es galt als Kunstgegenstand. Soweit die historisch überlieferten Fakten. Das tut der Faszination des Grabtuches aber natürlich keinen Abbruch, denn ebenfalls unumstritten ist, dass bis heute gänzlich ungeklärt ist, woher das Grabtuch tatsächlich stammt, wen oder was es zeigt und – viel wichtiger noch – wie das offensichtliche Bildnis einer Person überhaupt auf die Leinen kam. Man sollte meinen, dass sich der Mythos, wenn man ihn denn so nennen möchte, des „Leichentuch Christi“ bereist sehr früh entwickelt und in den Köpfen der glaubenden Mehrheit manifestiert habe, frühestens eben in der Antike, spätestens jedoch im Mittelalter. Tatsächlich aber ist es eher so, dass gerade die moderne Wissenschaft dafür Sorge trug, dass aus einem rätselhaften Tuch ein regelrechter Schrein für die Weltreligionen wurde. Wie das möglich ist? Nun – ganz gleich, wie glaubensfest man auch sein mag, einer empirischen Tatsache kann sich letztlich keiner so einfach erwehren. Doch die fehlt hier zur Gänze, denn sämtliche Untersuchungsergebnisse seit der ersten wissenschaftlichen Untersuchung 1973 ergaben nichts Schlüssiges. Folglich existiert bis heute auch kein Gegenbeweis, dass es sich nicht um die besagte Reliquie handeln könne. Zwar konnten diverse moderne Untersuchungsmethoden, wie die Radiokohlenstoffdatierung aus dem Jahre 1988, eine Herkunft mittelalterlichen Ursprungs nachweisen (Ende des 12. bis Ende des 13. Jahrhunderts), da das Tuch jedoch nachweislich im Laufe der Zeit beschädigt und wieder geflickt wurde steht die Hypothese im Raum, die Probenentnahme könne auch von einer dieser geflickten Stellen stattgefunden und somit ein verfälschtes Ergebnis zur Folge gehabt haben. Unabhängig davon ist bis heute nicht wirklich geklärt, wie das Abbild, das sowohl die Vorderseite wie auch die Rückseite eines Mannes zeigt, überhaupt in den Leinen verewigt werden konnte. Es existieren zahlreiche Ansätze, doch keine davon erklärt sämliche Gegebenheiten, die uns das Tuch präsentiert.

Die theologische Bedeutung des Grabtuches

Kombiniert man die Theologie mit der modernen Wissenschaft, ergibt sich ein ganz anderes und noch viel spannenderes Bild. Textile Untersuchungen ergaben, dass die Webart bereits in der Antike existierte, aufgrund dieser man also nicht darauf schließen kann, dass zumindest das Tuch selbst nicht aus der Zeit um Christi herum stammen könnte. Zeitgleich wird forensisch angenommen, dass der eingewickelte Leichnam, sofern es einen gab und es sich nicht doch um ein Gemälde handelt, gar keiner war – die Blutflecken (die allerdings bis heute nicht eindeutig als solche identifizert werden konnten) und deren Art lassen auf eine (noch) lebende Person schließen. Eine der Theorien, wie das Bildnis auf die Leinen gelangt sein könnte, ist darüber hinaus die Fälschung (oder vielmehr Herstellung) mittels fotografieähnlicher Techniken (Projektion und Ausbleichung). Vergleichbare Methoden waren im Mittelalter bekannt, in der Antike natürlich noch nicht. Nimmt man nun aber die Kreuzigungs- und Auferstehungsgeschichte Jesu hinzu und die Annahme, dass Jesus in einer dunklen Höhle beigesetzt und nach dem dritten Tage (in einem gleisenden Lichtblitz) auferstanden sei..., nun, dann könnte man ein übernatürliches Phänomen plötzlich mit natürlichen – also physikalischen – Fakten erklären, denn so ein Vorgang könnte eben eine solche Projektion hervorrufen.

Der Überlieferung nach wurde Jesus von Nazareth nahe Jerusalem gekreuzigt und bestattet. Die Bibel berichtet, das Höhlengrab sei nach dem dritten Tage menschenleer gewesen, man fand nur noch die Leinen, in die der Leichnam Jesu nach jüdischem Brauch eingewickelt worden wäre. Eines jener Tücher könnte also auch unser Turiner Grabtuch sein und die Auferstehung könnte sowohl das Bildnis Christi als auch die forensische Annahme, eine lebende Person müsse darin eingewickelt gewesen sein um eine derartige Art der Abbildung zu schaffen, erklären. Das Turiner Grabtuch wird – wenn überhaupt, und dann nur sehr selten – im Turiner Dom ausgestellt wird und kann besichtigt werden. Das Grab Jesu hingegen, in dem eben jenes Tuch nach Überlieferung gefunden worden sein könnte, findet sich in der Grabeskirche in Jerusalem und bietet einen Einblick in das antike Israel, seine Historie und religiöse Bedeutung. Israel ist jedoch weit mehr als das; Es ist eine andauernde Geschichte eines unweigerlichen Konflikts zwischen Weltpolitik, Weltreligion und dem Streben nach Sicherheit, wie auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung unter www.bpb.de/internationales/asien/israel/ nachzulesen ist. Erst durch das Studium des alten und des neuen Israel ergibt sich uns ein ganzheitliches Bild – ganzheitlicher, als es jedes mysthische Leinentuch der Welt sein könnte, selbst wenn seine Ursprünge geklärt wären.

Doch es wird wohl nie zur Gänze geklärt werden können, wen das Leichentuch tatsächlich zeigt, woher es stammt und auch nicht, wie es entstanden ist. Es bleibt eines der großen Mysterien unserer Geschichte und der Geschichte Israels und seinerReligionen. Doch es zeigt eindrucksvoll, wie selbst modernste Wissenschaften nicht vermögen, jahrtausende alte Geschichten und Glaubensansätze zu widerlegen. Und vielleicht ist ein Blick auf das Turiner Grabtuch ja tatsächlich ein Blick auf dieGeschichte Israels, auf die der großen Weltreligionen und auf das, was sich dahinter verbirgt, definitiv aber ist es die ältesteste optische Verkörperung dessen, wie Jesus von Nazareth bis heute dargestellt wird: herrschaftlich, sanft und charismatisch wie das Land, aus dem er stammte und das ungleich vielfältiger ist, als diese eine – wenn auch zugegeben faszinierende - Geschichte hier.